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Freitag, 7. April 2017

Tonnenleicht - Der Bildhauer Fritz Kühn

Durch die kupfergetriebenen Reliefportale von Fritz Kühn schreitet man in die Komische Oper. Im kriegsgeschundenen Innenraum der Parochialkirche hängt sein mächtiges Kreuz. Am Strausberger Platz setzt sein quasi schwebendes Brunnenrund aus geometrisch-abstrakten Kupferplatten einen modernistischen Kontrapunkt zur neoprächtigen Henselmann-Architektur. Wer die Stadtbibliothek betritt, kann sich buchstäblich im Vorbeigehen ein „A“ greifen: In 117 Varianten ziert das berühmte Buchstabenportal seit 1965 die Front. Nun ist im Kunsthaus Dahlem eine Ausstellung über den Künstler Fritz Kühn zu sehen, Elke Linda Buchholz hat sie für den Tagesspiegel besucht: http://www.tagesspiegel.de/kultur/fritz-kuehn-im-kunsthaus-dahlem-tonnenleicht/19608116.html

Montag, 3. April 2017

Im Theater (62): "Freischütz"-Premiere in Heidelberg

Die Wolfsschlucht ist eine leere Drehbühne, mehr nicht. Umso verstörender, was dort exekutiert wird: Kaspar und Max müssen einen Menschen ausweiden, damit Samiel die Zauberkugeln herausrückt, die immer ins Ziel treffen. Die Berliner Regisseurin Sandra Leupold geht volles Risiko, wenn sie die Wolfsschluchtszene mit fast nichts als halbnackten Körpern und Theaterblut spielen lässt, sie polarisiert damit das Heidelberger Publikum, hält aber fein die Balance zwischen demonstrativem Theaterspiel und blutigem Ernst. Die drei Akteure (Alexander Geller als Max, James Homann als Kaspar, AP Zahmer als Samiel) sind auf der rotierenden Scheibe physisch extrem gefordert, wissen dabei in jeder Sekunde, was sie tun, während die Höllenmusik Webers schroff aus dem Orchestergraben wetterleuchtet (am Pult: Dietger Holm).
Nichts ist in dieser Aufführung romantisch weichgespült und breitgemalt, die Musik eine Geisterbahnfahrt durch alptraumhafte Seelenzustände. Verquält schleppt sich Max von Szene zu Szene, mitleidlos gemobbt vom Jägerchor und den Jägerfrauen, rumgeschubst, angespuckt, verprügelt. Auch Agathe (Hye-Sung Na) wird ihrer Liebe zu Max auch nicht froh. Lyrische Momente  ("Oh lass Hoffnung dich beleben...") verlegt die Regie (durch Lichtwechsel) eindeutig in die Innenwelt der Figuren, die soziale Welt bietet dafür keinen Anhalt.
"Durch die Wälder, durch die Auen" geht es ohne Schmelz, der "Jungfernkranz" ist Teil eines albernen Junggesellinnenabschieds, für den die von Ännchen (Irina Simmes) angeführten Mädels sich mit Geweihchen schmücken. Man und frau trägt quietschbunte Turnschuhe zu Röcken, Kleidern, Uniformen und Jagdtracht (Kostüme: Jessica Rockstroh) aus der Restaurationsperiode um das Uraufführungsjahr 1821: Die Nationaloper spielt in deutscher Vergangenheit, steht aber im Hier und Heute. Eine "Alptraumlandschaft der deutschen Seele" (Sandra Leupold) führt sie vor, dumpf bedrückend und zugleich schwebend. Vom Schnürboden heben und senken sich ganz sachte Brautkleid, Gewehr, Spindel, Uhr, Tannenzapfen, Plastikgießkanne, Jägerhut, Geweih, Horn, Kerzenlicht und Dutzende weiterer Requisiten, füllen den tiefschwarzen Bühnenhimmel (Stefan Heinrichs), eine surreal anmutende Rauminstallation.
In der Volkssage "Der Freischütz", auf der die Oper basiert, gibt es kein Happyend: Die teuflische siebte Kugel trifft die Braut und der Bräutigam endet im Irrenhaus. Darauf steuert auch die Oper zu, doch ein heiliger Mann schreitet ein, der die Liebenden schützt und das Schlimmste verhindert. "Der rein ist von Herzen und schuldlos von Leben, darf kindlich der Milde des Vaters vertraun", lautet dann die Schlusssentenz der Oper. Die Regisseurin ist misstrauisch, sieht gerade in diesem milden Finale einen Ausgangspunkt der deutschen Misere, das Sich-Einrichten in einer langen Kette der Subordination. Biedermeierlich bleibt es bei den Rollenzuweisungen an die Geschlechter, die Frauen dürfen zuhause häkeln, während die feschen Jäger draußen im Wald herumballern. Webers Schluss können Regisseurin und Dirigent nicht umschreiben, ihre Skepsis ist nicht zu überhören.
Termine, Besetzung und Fotos auf der Website des Theaters Heidelberg

Universalkünstler: Friedrich Kiesler im Martin-Gropius-Bau

Seine Architekturentwürfe wurden, bis auf einen, nicht gebaut. Seine Designermöbel gingen nicht in Serie. Berühmt wurde er außerhalb von Insiderkreisen auch nicht. Aber Friedrich Kieslers wortstarke, mit Witz und Furor formulierten Manifeste wurden gelesen, seine Bücher gedruckt. Und seine Ideen wirken bis heute nach.
Eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, konzipiert von der Wiener Nachlassstiftung des Universalkünstlers und Utopisten, beleuchtet seine Ideen und Projekte. Sie will zeigen, wie aktuell Kiesler angesichts von Transdisziplinarität, Mobilität und dem Crossover zwischen Design und Wissenschaft ist. Mehr dazu von Elke Linda Buchholz auf www.tagesspiegel.de

Donnerstag, 30. März 2017

Soziale Moderne: Otto Bartning in der Akademie der Künste

Wohnblock von Otto Bartning in Haselhorst
Foto: Bienert
Als Kirchenbaumeister gehört Otto Bartning zu den bekannten deutschen Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Person und ihr Gesamtwerk sind dahinter verblasst - zu Unrecht, wie nun eine große Retrospektive in der Akademie der Künste zeigt. Zu Lebzeiten unter Kollegen hoch geschätzt, nannte ihn Oskar Schlemmer einmal den "eigentlichen Vater des Bauhaus-Gedankens" - doch war Walter Gropius der viel geschicktere Propagandist der gemeinsam entwickelten Ideen für eine neue Kunstausbildung, während Bartning sich nie in den Vordergrund spielte. Zentral für ihn war der Gedanke einer Gemeinschaft, für die Architekten angemessene Räume schaffen sollten, seien es Kirchen, Krankenhäuser, Wohngebäude oder ein Wohnquartier wie das Berliner Hansaviertel. Ohne selbst dort zu bauen, war Bartning der Initiator, Organisator und Regisseur der Bauausstellung im Tiergarten vor 60 Jahren. Die weiten Ausstellungshallen der Akademie der Künste am Hanseatenweg sind daher der ideale Ort für eine Würdigung.
Stahlkirche in Köln, 1928
Ausgangspunkt war die langjährige wissenschaftliche Aufarbeitung des privaten Nachlasses von Otto Bartning in der TU Darmstadt. Moderne Baugesinnung beflügelte den jungen Architekten schon in der Kaiserzeit, er schloss sich dem Deutschen Werkbund an, nach der Novemberrevolution dem Arbeitsrat für Kunst, engagierte sich in der 1926 gegründeten Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen und in der Architektenvereinigung Der Ring: Bartning war immer zur Stelle, wenn es darum ging, modern, qualitätvoll und wirtschaftlich zu bauen.
Otto Bartning um 1930
(Foto: AdK)
In der Nazizeit ging er nicht ins Exil wie viele Weggefährten, verlor aber an Einfluss, hielt sich von der Naziideologie fern und baute ausschließlich Kirchen. Politisch unbelastet spielte Bartning in der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle als Integrationsfigur und Brückenbauer zu vertriebenen Kollegen, ab 1950 als Präsident des Bundes Deutscher Architekten. Das Wort "Wiederaufbau" lehnte er ab: "Aber schlichte Räume lassen sich auf den bestehenden Grundmauern und aus den brauchbaren Trümmerstoffen errichten." Auf gesellschaftliche Herausforderungen angemessen zu reagieren, als Architekt das Beste daraus zu machen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, diese Grundhaltung zieht sich durch Bartnings vielfältiges Werk, das in der großen Akademieausstellung und in dem schönen Katalog eine völlig angemessene Würdigung erfährt.

Bis 18. 6. 2017 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg
Weitere Informationen 

Sonntag, 12. März 2017

Hier baut Suhrkamp


Hinter der Volksbühne, zwischen Tor- und Linienstraße, baut der vor sieben Jahren von Frankfurt nach Berlin umgezogene Suhrkamp Verlag seinen neuen Geschäftssitz. Die Informationspolitik des Bauherren und Baumfällungen auf der Grünfläche haben Anwohnerproteste ausgelöst, der Verlag versichert, es werde ein neuer hochwertiger Stadtplatz vor dem Neubau entstehen. Mehr im Tagesspiegel

Samstag, 11. März 2017

Ian McEwans "Nussschale" in der Kritik eines Lesezirkels

"Das schlechteste Buch, das ich seit langem gelesen habe." - "Toll erzählt." - "Virtuos gemacht, aber es hat mich total kalt gelassen." - "Eine wirklich originelle Perspektive auf die Welt." - Unser neunköpfiger Lesezirkel* war völlig geteilter Meinung über Ian McEwans Roman Die Nussschale. Aus der Perspektive eines Fötus im Mutterleib wird ein Ehebruch und Gattenmord erzählt, mit vielen Anspielungen auf Shakespeares Hamlet und anderen literarischen Referenzen, ist doch der Vater des Fötus Lyrikdozent und Verleger. Der ungeborene Erzähler kennt sich auch schon mit den Weinsorten, mit Lagen und Jahrgängen bestens aus, die seine Mutter mit ihrem Liebhaber verkonsumiert. Klar, das ist hoch ironisch und komisch gemeint, viel schwarzer britischer Humor funkelt in diesem Monolog. Die kontrafaktische Annahme, dass ein Ungeborenes bei vollem Bewusstsein das Geschehen um ihn herum reflektiert, muss man als Ausgangspunkt des Erzählexperiments akzeptieren - aber dass auch die aus dieser eingeschränkten Innensicht geschilderte Mutter sich absolut nicht wie eine Schwangere im neunten Monat verhält, dass das Geschehen dann weitgehend doch aus der Außenperspektive und Gedankenwelt eines älteren weißen Autors geschildert wird, kann man als Schwäche werten. Sich auszudenken, wie der Fötus den Geschlechtsverkehr der Mutter von innen beobachtet, ist witzig, aber eben nur das, weil in eine belanglose Spintisiererei. Dabei hat Bernard Robben Nutshell hervorragend übersetzt. Viele witzige Sprachspiele und Anspielungen gehen dennoch verloren, das fängt schon beim Titel ein: Die Redewendung in the nutshell schwingt darin mit, was soviel heißt wie auf den Punkt. Ergebnis der kontroversen Diskussion: Man kann dieses Buch mit großem Genuss konsumieren, besonders wenn man sehr gut Englisch liest, es aber auch mit Grund total doof und langweilig finden. Das stärkste Buch des vielfach preisgekrönten Autors Ian McEwan sei es nicht, zumindest in diesem Punkt herrschte Übereinstimmung.

* Gemeinsam gelesen und diskutiert wurde der Roman von einer Kunsthistorikerin, einem Feuilletonisten, einer Autorin, einem Juristen, einer Germanistin, einem Übersetzer, einem Regisseur einem Romanist und einem Linguisten.

Ian McEwan
Nussschale
Diogenes Verlag
Zürich 2016
288 Seiten, 22 Euro


Samstag, 4. März 2017

Im Herbst 2017 erscheint "Döblins Berlin. Literarische Schauplätze" von Michael Bienert

Berlin sei Benzin, schrieb Alfred Döblin, und der „Mutterboden aller meiner Gedanken.“ Von der Gründerzeit bis zur Vertreibung durch die Nazis war der Schriftsteller und Nervenarzt rund 40 Jahre lang Augenzeuge des Aufstiegs Berlins zur Metropole, hat das Stadtleben reflektiert, kommentiert und mitgestaltet. Der Streifzug durch Döblins Werke und seine Stadt führt zum Alexanderplatz, ins Scheunenviertel, ins Berliner Rathaus, in Krankenhäuser und ins Gefängnis, bis hinter die Vogesen und ins 26. Jahrhundert. Die Schauplätze des Romans Berlin Alexanderplatz bilden den roten Faden, denn seit 25 Jahren leitet Michael Bienert Stadtspaziergänge auf den Spuren des Romanhelden Franz Biberkopf. Das Buch erscheint im Herbst 2017 bei vbb - verlag für berlin-brandenburg.

150 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen. Eine Jubiläumsausstellung

Von Elke Linda Buchholz - Zwischen dicken Plexiglasscheiben klemmt ungesponnene Schafwolle: Rohstoff für Gewebe, Netze, Fallstricke, Wärmendes. Oder Symbolmaterial zum Weiterspinnen. Den Mythos vom Goldenen Vlies nimmt Silvia Klara Breitwieser in ihrer schon vor 30 Jahren entstandenen Installation zur antiken Argonautensage zum Ausgangspunkt, Alltagsfundstücke zwischen Hightech und Lowtech zu befragen. Computerplatine, Torfstück, Eisenschraube, Wollgespinst: Wie entsteht geistiger Mehrwert? Die Gedanken nehmen Fahrt auf. Die Argonautin schifft sich ein und segelt weiter. Acht Positionen von Künstlerinnen versammelt die Ausstellung in der Kommunalen Galerie Berlin. Was sie eint: Sie sind Mitglieder des vor 150 Jahren gegründeten Vereins der Berliner Künstlerinnen. Weiterlesen auf www.tagesspiegel.de

René Wirth, der Dingemaler

Von Elke Linda Buchholz - Der Maler nimmt den Hammer zur Hand. Unverzüglich muss der Keilrahmen nachgespannt werden, gleich hier in der Ausstellung im Haus am Lützowplatz. Denn auf der weißen Leinwand haben sich Dellen gebildet, Schattenwürfe also. Das darf nicht sein, das lenkt bloß ab. In diesem Fall von dem großen Hühnerei, das sich formatfüllend auf der Leinwandfläche rundet. Es ist ein Ei, sonst nichts. René Wirths malt Dinge. Viel größer als in Wirklichkeit erscheinen sie, aber merkwürdigerweise nicht überdimensioniert – sondern gerade richtig, um die fein dokumentierten Oberflächen genau unter die Lupe zu nehmen. Weiterlesen auf www.tagesspiegel.de

Montag, 30. Januar 2017

Das Döblin-Handbuch

Wer sich näher mit Alfred Döblin befasst, verliert leicht den Überblick. Oder kommt ins Aufzählen, weil dieser Autor - jenseits des kanonisierten Großstadtromans "Berlin Alexanderplatz" - ein nicht nur vom Umfang einschüchterndes, sondern äußert vielfältiges Werk hinterlassen hat, in dem Döblin sich immer wieder neu den großen Zeitfragen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellte. Entsprechend hoch ist die Mauer von Sekundärliteratur, die sich mittlerweile um das Werk türmt: Eine vom Deutschen Literaturarchiv erstellte neue Personalbibliografie umfasst 5000 Fundstellen zu Autor und Werk, davon alleine 500 zum Roman "Alexanderplatz".
Um sich in dieser Überfülle zu orientieren, kommt das von Sabina Becker herausgegebene, im Metzler Verlag erschienene "Döblin-Handbuch" gerade recht. Versierte Döblinologen haben sich die Herkulesarbeit aufgeteilt und übersichtlich den Stand der Döblin-Forschung zusammengefasst: Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf der Vielfalt der Interpretationen als auf gesicherten Erkenntnissen zur Entstehungsgeschichte einzelner Werke, zu Döblins eigenen Fragestellungen und Herangehensweisen, zur Bedeutung der Themen und Arbeiten innerhalb des Gesamtwerks. Damit bekommen Leser oder Wissenschaftler rasch festen Boden unter den Füßen, wenn sie sich eingehender mit einem der großen Romane, mit der Bedeutung der furiosen Kurz- und Zeitungsprosa, Döblins Poetik, der Haltung des praktizierenden Nervenarztes zu Psychiatrie und Psychoanalyse oder seinem Exilwerk - um nur ein paar Beispiele zu nennen - befassen wollen. Mit anderen Worten: Dieses spröde und massive, aber im Großen und Ganzen doch sehr um Lesbarkeit bemühte 800-Spalten-Nachschlagewerk ersetzt tatsächlich eine ganze Döblin-Sekundärbibliothek. Es macht damit den Blick frei auf die Werke eines Autors, der sich ein gutes halbes Jahrhundert lang immer wieder neu positioniert hat, sowohl weltanschaulich als auch poetisch, der sich nie mit einem einmal erreichten Bewußtseinsstand oder Schreibstil zufrieden gegeben hat - und dadurch immer ein aktueller und inspirierender Autor bleiben wird.


Sabina Becker (Hg.)
Döblin-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung
J. B. Metzler Verlag, 2016
400 Seiten, 99,95 Euro
ISBN 978-3-476-05376-3
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