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Freitag, 2. Dezember 2016

Haus Buchthal - Ausstellung in der Galerie Aedes

Foto: Elke Linda Buchholz
Von Elke Linda Buchholz - Kapitel eins. Das Bauherrenehepaar traut sich was. Mitten im noblen Westend lassen sich Thea und Eugen Buchthal 1922 eine expressive Villa errichten, die zwischen den gediegenen Wohnhäusern rundum wie ein Paradiesvogel wirkt. Im Musikzimmer leuchten grüne Pfeiler vor knallgelben Wänden, nebenan im Wohnzimmer taucht man in blaues Farbfluidum, während die Speisen vor orange-violett getünchten Wänden im Essraum serviert werden. Nach außen faltet sich der Baukörper in V-Form mit kristallinen Kanten und Ecken auf. Hingucker ist eine rasant expressionistische, mehrfach gestufte Giebelfront, mit symmetrischem Brunnen davor. Den Entwurf für dieses extravagante Stück Berliner Architekturgeschichte lieferten die jungen Brüder Wassili und Hans Luckhardt mit ihrem Büropartner Franz Hoffmann. Zwar hatten sie noch nie zuvor einen Bau realisiert, aber in einer Berliner Galerie mit kristallinen Architekturvisionen aus Glas, Licht und Farbe für Aufsehen gesorgt. Der Konfektionskaufmann Buchthal und seine kunstsinnige Frau entschieden: Genau so wollten sie wohnen. Mit Gemälden von Feininger, Nolde, Pechstein und Erich Heckel komplettierten sie ihr Domizil, schafften Skulpturen von Lehmbruck und Emy Roeder an. Sogar der Garten wuchs sich mit pfeilförmig auf das Haus weisenden Blumenrabatten zu einem Kunstwerk aus. Arnold Schönberg, Max Beckmann, Lou Andreas-Salome und andere kamen zu Gast. Doch der Expressionismus überstand den Praxistest nicht.
Kapitel zwei. Kaum fünf Jahre wohnte das Paar mit seinen drei Kindern in dem gewagten Objekt, dann reichte es der Familie. Buchthals engagierten einen neuen Architekten. Als Ernst Freud, Sohn des Psychoanalytikers, sein Umbauwerk 1928 vollendet hatte, war die expressionistische Villa Buchthal praktisch aus dem Stadtbild verschwunden. Statt schräger Winkel, Kanten und Ecken dominierten nun glatte weiße Mauern und schlichte Rechteckfenster. Im Inneren wurden die komplexen Grundrisse vereinfacht, soweit möglich. Zusätzliche Obergeschossräume und eine üppige Dachterrasse erweiterten die Wohnfläche. Nicht wiederzuerkennen, das Haus! Weiterlesen im Tagesspiegel

Bauen mit Holz - Ausstellung im Martin-Gropius-Bau

© Architekturmuseum der Technischen Universität München
Von Elke Linda Buchholz - Auf dem Monte Rosa bei Zermatt hockt auf 2880 Metern Höhe ein futuristisches Gebäude, halb silbriger Kristall, halb futuristische Raumstation. Nur per Hubschrauber versorgt, bietet es in den Sommermonaten 120 bergverrückten Alpinisten Obhut. Das asymmetrische Volumen wurde mit Hilfe von Computerprogrammen klimatisch optimal an seine Extremlage angepasst. Unter der Aluhülle jedoch verbirgt sich einer der traditionellsten Werkstoffe: Die Monte Rosa Hütte ist komplett aus Holz gebaut. Schon immer wurde im Alpenraum mit Holz gebaut. Aber doch nicht so! Was internationale Architekten seit einigen Jahren mit dem nachwachsenden Traditionsbaustoff zustande bringen, zeigt der Martin-Gropius-Bau anhand von 60 Modellen sowie Fotos und Filmen. Das jüngste Projekt wird gerade in Vancouver fertiggestellt und ist ein echtes Renommierstück, obgleich knapp kalkuliert für Minimalstandard: Das Hochhaus soll 400 Studenten beherbergen und zugleich die Leistungsfähigkeit der kanadischen Holzwirtschaft unter Beweis stellen. 18 Stockwerke ragt die Holzkonstruktion empor. Noch nie wurde mit Holz so gewagt in die Höhe gezimmert. Neue Fertigungstechniken, computergestützte Entwurfsverfahren und innovative Ideen haben den klassischen Holzbau revolutioniert. Weiterlesen im Tagesspiegel

Montag, 21. November 2016

Antiquaria-Preis 2017 für den "Schriftgott" Friedrich Forssmann

Friedrich Forssmann ist der Star unter den Buchgestaltern in Deutschland, es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann er den Antiquaria-Preis für Buchkultur erhalten würde. Nun ist es soweit, am 26. Januar 2017 wird der Preis im Rahmen der Antiquariatsmesse Ludwigsburg verliehen. Im März dieses Jahres war Forssmann in Berlin, damals schrieben wir über seinen Auftritt:
Die Ankündigung seines Vortrags zur Frage "Was ist gute Buchgestaltung?" zwang die Staatsbibliothek gestern abend, kurzfristig einen neuen Raum in der nahen Universität zu aquirieren, so groß war der Andrang der Neugierigen. Natürlich konnte Forssmann die Frage nicht abschließend beantworten (dann bräuchten wir ja auch keine kreativen Typografen und Umschlagkünstler mehr), unterhielt sein Publikum aber zwei Stunden lang prächtig. Er präsentierte Beispiele vor allem aus der eigenen Produktion und erklärte seine Beweggründe für die Wahl unterschiedlicher Gestaltungsmittel bei der Inszenierung von Werkausgaben, wissenschaftlichen Schriften, Literaturzeitschriften oder aktueller Belletristik.

Mittwoch, 16. November 2016

Chamisso Schatten - jetzt auch auf DVD

Wer nicht die Gelegenheit hatte oder es einfach nicht geschafft hat, zwölf Stunden im Kino zu verbringen, um der Filmemacherin Ulrike Ottinger auf ihrer Reise in die Beringsee zu folgen, kann das jetzt gemütlich eingemummelt auf dem heimischen Sofa tun. Ab sofort ist ihr Film "Chamissos Schatten" auf vier DVDs erhältlich. Kein schlechtes Weihnachtsgeschenk und ein passender Zeitvertreib für die langen Abende zwischen den Jahren! Mit ihrem Filmteam ist Ulrike Ottinger den Weltreisenden James Cook, Georg Wilhelm Steller und Adelbert von Chamisso in die entlegene Gegend zwischen Sibirien und Alaska nachgefahren, um sie als moderne Ethnologin und Naturforscherin mit der Kamera zu vermessen. Monate verbrachte sie im Schneideraum und montierte die Impressionen von heute mit den historischen Aufzeichnungen früherer Reisender (gelesen von Hanns Zischler, Thomas Thieme und Burkhardt Klaußner) zusammen. Über Ottingers Arbeit und ihre Erfahrungen haben wir bereits berichtet. Hier kann man den außergewöhnlichen, alle herkömmliche Seherfahrungen sprengenden Film bestellen.

Luthers Idee wird zu Stein - Die Reformation in der Architektur

Martin Luther gilt als Schöpfer des deutschen Wortes "Denkmal", die Stätten seines Wirkens stehen wie viele Kirchen heute unter Denkmalschutz. Im Auftrag der Deutschen Stiftung Denkmalschutz hat Elke Linda Buchholz alles Wissenswerte zu diesem Thema zusammengetragen. Die 40-seitige Broschüre Luthers Idee wird zu Stein - Die Reformation in der Architektur können Sie gratis hier bestellen.

Mittwoch, 9. November 2016

Fred Hildenbrandts Erinnerungen ans Berlin der Zwanziger Jahre neu ediert

Von Michael Bienert - Leider liegt ein Schatten von Unaufrichtigkeit auf diesem Buch. Wie vertrauenswürdig sind die Erinnerungen eines Journalisten, der von seinem steilen Aufstieg in einem deutsch-jüdischen Zeitungshaus zwischen den Weltkriegen schwärmt, aber verschweigt, dass er sich in den Nazizeit als Buch- und Filmautor genauso geschmeidig dem Ton der Zeit anpasste?
Zehn Jahre lang, von 1922 bis 1932, leitete der in Stuttgart geborene Fred Hildenbrandt das Feuilleton des „Berliner Tageblatts“, das sich als liberales „Weltblatt“ verstand. Er hob Gedichte von Else Lasker-Schüler und Feuilletons von Erich Kästner ins Blatt und bemühte sich um faire Honorare für seine Autoren. Als einflussreicher Feuilletonchef begegnete er der Kulturprominenz der Zeit auf Augenhöhe, oft auch privat auf Partys oder als Wochenendgast. Hildenbrandt spielte Tischtennis mit Hans Albers, tanzte mit Josephine Baker und Gret Palucca, flirtete mit Marlene Dietrich.
Federleicht erzählt er in seinem nach dem Zweiten Weltkrieg verfassten, 1966 postum erschienenen Erinnerungsbuch von schillernden Begegnungen im Kulturbetrieb der „Roaring Twenties“. Dass viele seiner jüdischen Freunde in der Nazizeit drangsaliert wurden, verschweigt er nicht, doch blendet er völlig aus, wie anpassungsfähig er selbst sich durch die braunen Jahre lavierte. Und am Schluss des Buches bleibt völlig unerklärt, wie sich denn 1932 ein „unerbittliches Unheil“ über den Verlagshaus der jüdischen Verlegerfamilie Mosse zusammenbraute und warum Hildenbrandt dem später von den Nazis drangsalierten Chefredakteur Theodor Wolff kündigte, ehe es für ihn brenzlig wurde. Die Schuld für den Niedergang des Verlags schiebt Hildenbrandt dem Verlagschef Hans Lachmann-Mosse in die Schuhe, der sicher Fehler machte, aber auch in einer nahezu aussichtlosen wirtschaftlichen und politischen Lage steckte und schließlich von den Nazis mit seiner Familie in die Emigration gezwungen wurde.
So erhellend es ist, was Hildenbrandt über das Innenleben eines großen Zeitungshauses zum Zeitpunkt seines Eintritts in den Verlag erzählt, so wenig Insiderwissen gibt er über die Situation kurz vor der Machtübernahme der Nazis preis. Das schmälert dann doch das Vergnügen an diesem ansonsten so flott und amüsant hingeworfenen Anekdotenbuch. Immerhin weist ein Nachwort von Thomas Zeipelt auf die braunen Flecken in der Autorenbiografie hin. Nicht unbedingt zwingend erscheint die Kürzung des Textes der Memoiren um zwölf Kapitel, insbesondere der farbige Bericht über eine spektakuläre Hochzeitsfeier in der Berliner Unterwelt fehlt: Damit baut das bildhübsche Bändchen aus dem Transit Verlag die 3-Euro-Altausgaben aus dem Antiquariat selbst zu einer Alternative auf.

Fred Hildenbrandt
„... ich soll dich grüßen von Berlin“.
Erinnerungen 1922-1932
Transit Verlag, Berlin 2016
92 Seiten, 19,80 Euro

Montag, 7. November 2016

Blind Date mit dem Hasen - Cornelia Schleime erhält den Hannah-Höch-Preis - Ausstellung in der Berlinischen Galerie

Cornelia Schleime (2010). Foto: E. L. Buchholz
Von Elke Linda Buchholz - Da sind feine Störungen. Die makellose Haut des jungen Mädchens wird schrundig. Die Malschicht raut auf. Der sahnige Farbauftrag stockt, als dürfe es keine allzu glatten Oberflächen geben. Die klassischen Schönheitsvorstellungen, sinnlichen Frauenblicke und romantischen Motivassoziationen beherrscht die Malerin Cornelia Schleime: Sie kann sie aufrufen, ganz nach Wunsch. Aber immer schleicht sich in ihre großformatigen Gemälde sogleich Ironie ein, eine Lust an Brüchen, ein Misstrauen gegenüber einheitlicher Ästhetik und geschlossenen Bildwelten.
Cornelia Schleime ist eine Künstlern, die seit vielen Jahren am klassischen Pinselmetier festhält. Märchenhaftes bevölkert ihre hybriden Gemälde: Rehlein, Froschbein, Mädchenzopf, Möwenflug. Frauengesichter im Close-Up verschwistern sich mit Anleihen aus Tierreich. Darin nistet auch Erotik. Es geht ums Jagen und Gejagtwerden, ums Verletzlichsein und Gefährlichsein. Auch dem Papst Wojtyla ist die Malerin, selbst katholisch erzogen, zwar in einer Bildserie schon auf den Leib gerückt. Aber ansonsten dominieren bei ihr die Frauen. Sie proben Rollen und Posen, vollführen Metamorphosen. Sie tragen Geweih oder Federn, Schlangenleib oder Rattenkrallen. Jede dieser Rehfrauen, Zopfmädchen und Handschuhträgerinnen könnte die Künstlerin selbst sein. Bei aller mädchenschlanken Zartheit stattet sie ihre Geschöpfe mit einer sehr widerständigen Kraft aus. Furchtlosigkeit blickt einem aus den Augen dieser Frauen entgegen. Sie verführen. Und irgendwas in ihnen ist gefährlich.
Dass Schleime nicht nur im Grenzbereich zwischen Innen- und Außenwelten navigiert, sondern auch in Sprachbildern denkt, verraten Werktitel wie "Wer aus mir trinkt, wird ein Reh", "Die Nacht hat Flügel" oder "Leise spricht die Zunge". Auch einen Roman hat sie schon geschrieben. Er heißt "Weit fort", bearbeitet aber autobiographische Erfahrungen, die der Künstlerin allzu nahegingen. "Ein Wimpernschlag" nennt Schleime nun ihre längst überfällige Retrospektive, die ihr die Berlinische Galerie in diesem Herbst widmet. Der federleichte Titel nimmt dem Anlass seine Wucht: Geehrt wird Schleime für ihr Lebenswerk mit dem Hannah-Höch-Preis, dem wichtigsten Kunstpreis des Landes Berlin. Man bekommt ihn erst nach dem 60. Geburtstag. Rückschau also ist angesagt. (Augenblicke, Blinzeln, ein Leben im Zeitraffer. Doch Vorsicht.) "Inszenieren tu ich mich immer", meinte die Künstlerin einmal in einem Dokumentarfilm: "Ich glaube, damit bin ich schon zur Welt gekommen."
Seit über einem Jahrzehnt hat sich die Großstadtpflanze Schleime dem Biotop Berlin entzogen. Ihr Prenzlberger Wohnatelier steuert sie nur noch sporadisch an. Ansonsten schätzt sie Freiraum und Freiblick im Ruppiner Land. Dort auf dem Dorf hat sie ein altes Gemäuer bezogen, das sich hinten zum freien Feld öffnet. Ohne Grenzen. Geboren wurde Schleime 1953 in Ostberlin. Nicht sehr regimetreu sei ihre Familie gewesen, verrät sie. Aber die Neugier zur frühen Biographie speist die Künstlerin mit wenigen Stichworten ab: Friseurlehre, Maskenbildstudium (abgebrochen), Pferdepflegerin auf der Vollblutrennbahn in Dresden. Wichtiger wird, was dann kommt: Fünf Jahre Kunststudium in der DDR machen Cornelia Schleime zum Teil einer aufmüpfigen Untergroundszene, die sich in Punk, Performances und Atelierausstellungen sich eine eigene Öffentlichkeit kreiert. Ausstellungsverbote bremsen Schleime aus. Sie antwortet mit Kopfeinschnürungen, Körperbemalungen, festgehalten auf Fotos und experimentellen S8-Filmen. Dass der Staat immer mitmischte und selbst das Privateste unterminierte, zeigte sich später, als der Freund Sascha Anderson sich als Stasispitzel entpuppte. Mittlerweile hat Schleime sich mit ihm ausgesöhnt, wie sie unlängst zu Protokoll gab. Was sie vor ihrer 1984 ertrotzten Übersiedlung in den Westen malte, zeichnete und filmte, ist nahezu komplett verschollen. Eine Leerstelle klafft im Oeuvre. Ein paar Fotos, Filmrollen und Reisetagebücher dokumentieren Bruchstücke davon. Und Spuren von Erfahrungen bleiben immer. Die Narben tragen ihre Protagonistinnen noch auf der Haut. Vielleicht sind es diese merkwürdig schrundigen Partien in Schleimes Gemälden aber auch nur Störfelder, bewusst eingebaut, um den Betrachter nicht einzulullen, sondern wachzuhalten. Wachsam und empfänglich für die Untertöne, die Fragen, die diese Bilder stellen und partout nicht beantworten wollen.
Eine Schlüsselszene Schleimes wiederholt sich seit Jahren an verschiedenen Schauplätzen, als One-Woman-Performance: Eine Frau zieht an ihren überlangen Zöpfen einen Kinderwagen hinter sich her. Sie passiert 1993 im buntgetupften Minirock das Haus eines Stasi-Offiziers, streift 2009 barfuß über Brandenburger Stoppelfelder, taucht 2010 in die Ostseebrandung ein, schreitet 2015 in Pelzstiefeln die Orangerie von Schloss Putbus ab. Die Geschichte ist nicht zu Ende. Die Erinnerungen im Schlepptau, geht es voran.

Ausstellung in der Berlinischen Galerie vom 25.11.2016 bis 24.4.2017 http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/vorschau/cornelia-schleime/

Freitag, 4. November 2016

Familie Chamisso auf der Flucht

Der Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso war das Kind einer Flüchtlingsfamilie. Anders als seine Eltern und Geschwister ist er nicht wieder in seinem Geburtsland Frankreich heimisch geworden, sondern nutzte seine Chance, sich in Deutschland aus der Familientradition zu befreien.

Adelberts Bruder Charles war Augenzeuge des
Sturms auf die Tuilerien in Paris, 1793
Von Michael Bienert - „Von Stadt zu Stadt irrend, ohne Bindungen, ohne Vaterland, fast ohne Hoffnung, die Stütze der Elenden, habe ich das Unglück kennengelernt“, heißt es in einem Schulaufsatz, den der junge Adelbert von Chamisso in Berlin verfasst: „Kaum war es mir vergönnt, den Erzeugern meiner Tage nützlich zu sein. An ihr Schicksal gebunden und ihren Schritten folgend, habe ich Brabant, Holland, das Reich durchmessen; überall bot sich ein Bild des Unglücks meinen Augen; überall fand ich Landsleute von allerhöchstem Rang ins Elend gestürzt.“ Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg, den die Französischen Revolution auslöst, finden Chamissos Eltern und ihre sechs Kinder 1796 eine sichere Bleibe in Berlin. Am Französischen Gymnasium holt der spätere Dichter und Naturforscher in Einzelstunden ein wenig Schulbildung nach. Kurz nach seinem 17. Geburtstag wird er in eine Fähnrichsuniform gesteckt und zum Exerzieren geschickt. Kanonenfutter kann der preußische König immer brauchen, die Herkunft spielt keine Rolle.
Der Vater Louis Marie de Chamissot, Graf von Boncourt, hofft auf eine glänzende Offizierslaufbahn für seinen zweitjüngsten Sohn. Früher hat der Graf eine berittene Kompagnie von Schweizergardisten des französischen Königs kommandiert. Die Familie Chamissot ist dem Königshaus seit Jahrhunderten eng verbunden. So dienen Hippolyte und Charles, die beiden ältesten Söhne des Grafen, als Pagen am Hof von Versailles und bereiten sich auf eine Karriere am Hof und in der Armee vor, bis die Revolution in Frankreich alle Zukunftspläne zunichte macht. Weiterlesen

Sonntag, 30. Oktober 2016

Berliner Porzellanplastik im Kunstgewerbemuseum - Ausstellung und Katalog

Von Elke Linda Buchholz - Dem Bildhauer ist der Meißel zu Boden geglitten. Mit glasigen Augen schaut er auf die Opiumschale in seiner Hand. Die gertenschlanke nackte Frau neben ihm könnte das Aktmodell des benebelten Künstlers sein. Neckisch verbirgt sie ihr Gesicht hinter einer Theatermaske, während sie leichtfüßig auf einer goldenen Kugel balanciert, als sei sie die Glücksgöttin Fortuna persönlich. Tatsächlich tritt sie hier als Allegorie der Bildhauerkunst auf. Dezent hält sie einen prallen Geldbeutel in der Hand: Lässt sich mit der Bildhauerkunst womöglich doch Geld verdienen? Das Vorbild der Antike allerdings tritt sie in Gestalt eines muskulösen Männertorso leichthin mit Füßen. Verlockender als dessen sprödes Marmorweiß schimmert das zarte Rosa ihrer Brüste. Porzellanhaut, buchstäblich! Die ganze Figurengruppe ist nur 30 Zentimeter hoch und ein Meisterstück der Berliner Porzellanplastik des 18. Jahrhunderts. Mit Bravour und scharfer Ironie hat der Bildhauer Wilhelm Christian Meyer hier seine eigene Profession persifliert und deren hehre Ideale mit der Wirklichkeit abgleicht. Die Porzellanskulptur gehört zu einer ganzen Serie ironischer Allegorien der Freien Künste, eine witziger als die andere. Jede der zierlichen Figurengruppen schraubt sich als perfekte Komposition aus Gesten und Posen in den Raum und ist gespickt mit witzigen Details. Dies alles zu entschlüsseln, braucht es Scharfblick und Geduld. In einem mehrjährigen Forschungsprojekt hat sich die Kunsthistorikerin Dorothee Heim über die fragilen Porzellanfiguren aus dem Bestand des Kunstgewerbemuseums gebeugt. Das Ergebnis liegt jetzt als dickleibiger Bestandskatalog zur Berliner Porzellanplastik zwischen 1751 und 1825 vor.

Freitag, 21. Oktober 2016

+ultra - eine Ausstellung als "Trainingslager für das Humboldt-Forum"

Von Michael Bienert - "Das ist unser Trainingslager für das Humboldt-Forum", sagt Horst Bredekamp, einer der drei Gründungsintendanten der Kulturinstitution, die das wiederaufgebaute Berliner Schloss bald mit Leben erfüllen soll. Im Martin-Gropius-Bau ist Bredekamp nun mitverantwortlich für die interdisziplinäre Wissenschaftsausstellung +ultra. gestaltung schafft wissen, einer Wunderkammer, die 300.000 Jahre alte Faustkeile mit dem Operationsbesteck von Neurochirurgen, Aufzeichnungen von Charles Darwin und Karl Marx, 3-D-Animationen eines Hundeskeletts in Bewegung mit Videoarbeiten zeitgenössischer Künstler zusammenbringt. Hervorgegangen ist die Ausstellung aus dem Exzellenzcluster "Labor Bild Wissen Gestaltung" der Humboldt-Universität, an dem Wissenschaftler aus 40 Disziplinen mitarbeiten.
Radikal grenzüberschreitendes Denken und Forschen liegt dieser Präsentation zugrunde, und es kann einem schon ein bisschen schwindlig werden, wenn Horst Bredekamp erklärt, es gehe letztlich darum, "den aristotelischen Materiebegriff" zu verändern: "Wir gehen von der Aktivität aus!" Tatsächlich ist dieser Denkansatz aber gar nicht so neu, vor 200 Jahren - zu Zeiten der Humboldts - arbeiteten viele Forscher bereits an der Überwindung eines mechanistischen Weltbildes. Sie versuchten wie Hegel die Materie aus der Bewegung des Geistes zu erklären oder gingen wie Goethe von einer beseelten Natur aus: "Kein Menschen will begreifen, dass die höchste und einzige Operation der Natur und Kunst die Gestaltung sei."
Dieses Goethe-Zitat steht als Leitspruch über der ganzen Ausstellung. "Gestaltung" ist der Begriff, der Natur- und Kulturwissenschaften zusammenführen soll, und so werden in der Ausstellung sehr unterschiedliche Natur- und Kulturphänomene von verschiedenen Perspektiven her belichtet: Der Werkzeuggebrauch, der auch in der Tierwelt zu beobachten ist, organisches Denken in der Architektur oder auf Naturbeobachtungen fußende technische Konstruktionen.
In den letzten drei Ausstellungskapiteln geht es um Themen, die durch die Digitalisierung des Alltags besondere Brisanz gewonnen haben: Die Erfassung von Körperdaten, die Wissenschaftler und Künstler schon immer interessiert hat, jetzt aber zu einem Volkssport und Riesengeschäft geworden ist. Die Künstlerin Jennifer Lyn Morton hat auf diese Kommerzialisierung mit der Gründung einer Firma reagiert, die Daten ihrer Aktivitäten vermarktet. Digitale Gesichtserkennung ist ein weiteres Thema, mit dem wir aktuell als Nutzer von Internetplattformen und videoüberwachten Plätzen konfrontiert sind, das aber ähnlich schon die Physiognomen des 18. Jahrhunderts umgetrieben hat. Zuletzt wirft die Ausstellung einen kritischen Blick auf bildgeleitete Handlungen. Bei medizinischen und militärischen Operationen werden Bilder, auf denen Entscheidungen basieren, immer wichtiger, während ein direkter Kontakt mit dem Ziel des Ein- oder Angriffs vermieden wird.
Der Zusammenhang der präsentierten Objekte und Themen erschließt sich nicht immer gleich auf den  ersten Blick. Die Aktivität der Ausstellungsbesucher ist gefordert, sie werden Teil der Laborsituation, mit der die Kuratoren Nikola Doll, Horst Bredekamp und Wolfgang Schäffner austesten wollen, mit welchen Mitteln eine Wissenschaftsausstellung heute ihr Publikum am besten erreicht. Der größte Ausstellungsraum ist als "active space" konzipiert, in dem fast täglich Begleitveranstaltungen stattfinden, alles bei freiem Eintritt.
"Die Ausstellung im Humboldt-Forum wird aber ganz anders aussehen", versichert Kuratorin Nikola Doll. Auf ähnlich großer Ausstellungsfläche seien dort jährlich drei wechselnde, kleinere Ausstellungen  geplant. Im Martin-Gropius-Bau erkennt man die Richtung, in der es im Humboldt-Forum gehen soll: Vorgeführt wird heutige Wissenschaft als eine Aktivität, die schöpferisch gestaltet, Grenzen überschreitet, Geschichte und Gegenwart zusammenbringt. Darin schwingt ein utopisches Moment mit, das im Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb oft unter die Räder kommt. Genau diese Freiheit des Denkens, Experimentierens und Gestaltens ist es jedoch, die den Begriff "Humboldt-Forum" mit Leben füllen könnte.

Bis 8. Januar 2017 im Martin-Gropius-Bau, Eintritt frei.