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Sonntag, 12. März 2017

Hier baut Suhrkamp


Hinter der Volksbühne, zwischen Tor- und Linienstraße, baut der vor sieben Jahren von Frankfurt nach Berlin umgezogene Suhrkamp Verlag seinen neuen Geschäftssitz. Die Informationspolitik des Bauherren und Baumfällungen auf der Grünfläche haben Anwohnerproteste ausgelöst, der Verlag versichert, es werde ein neuer hochwertiger Stadtplatz vor dem Neubau entstehen. Mehr im Tagesspiegel

Samstag, 11. März 2017

Ian McEwans "Nussschale" in der Kritik eines Lesezirkels

"Das schlechteste Buch, das ich seit langem gelesen habe." - "Toll erzählt." - "Virtuos gemacht, aber es hat mich total kalt gelassen." - "Eine wirklich originelle Perspektive auf die Welt." - Unser neunköpfiger Lesezirkel* war völlig geteilter Meinung über Ian McEwans Roman Die Nussschale. Aus der Perspektive eines Fötus im Mutterleib wird ein Ehebruch und Gattenmord erzählt, mit vielen Anspielungen auf Shakespeares Hamlet und anderen literarischen Referenzen, ist doch der Vater des Fötus Lyrikdozent und Verleger. Der ungeborene Erzähler kennt sich auch schon mit den Weinsorten, mit Lagen und Jahrgängen bestens aus, die seine Mutter mit ihrem Liebhaber verkonsumiert. Klar, das ist hoch ironisch und komisch gemeint, viel schwarzer britischer Humor funkelt in diesem Monolog. Die kontrafaktische Annahme, dass ein Ungeborenes bei vollem Bewusstsein das Geschehen um ihn herum reflektiert, muss man als Ausgangspunkt des Erzählexperiments akzeptieren - aber dass auch die aus dieser eingeschränkten Innensicht geschilderte Mutter sich absolut nicht wie eine Schwangere im neunten Monat verhält, dass das Geschehen dann weitgehend doch aus der Außenperspektive und Gedankenwelt eines älteren weißen Autors geschildert wird, kann man als Schwäche werten. Sich auszudenken, wie der Fötus den Geschlechtsverkehr der Mutter von innen beobachtet, ist witzig, aber eben nur das, weil in eine belanglose Spintisiererei. Dabei hat Bernard Robben Nutshell hervorragend übersetzt. Viele witzige Sprachspiele und Anspielungen gehen dennoch verloren, das fängt schon beim Titel ein: Die Redewendung in the nutshell schwingt darin mit, was soviel heißt wie auf den Punkt. Ergebnis der kontroversen Diskussion: Man kann dieses Buch mit großem Genuss konsumieren, besonders wenn man sehr gut Englisch liest, es aber auch mit Grund total doof und langweilig finden. Das stärkste Buch des vielfach preisgekrönten Autors Ian McEwan sei es nicht, zumindest in diesem Punkt herrschte Übereinstimmung.

* Gemeinsam gelesen und diskutiert wurde der Roman von einer Kunsthistorikerin, einem Feuilletonisten, einer Autorin, einem Juristen, einer Germanistin, einem Übersetzer, einem Regisseur einem Romanist und einem Linguisten.

Ian McEwan
Nussschale
Diogenes Verlag
Zürich 2016
288 Seiten, 22 Euro


Samstag, 4. März 2017

Im Herbst 2017 erscheint "Döblins Berlin. Literarische Schauplätze" von Michael Bienert

Berlin sei Benzin, schrieb Alfred Döblin, und der „Mutterboden aller meiner Gedanken.“ Von der Gründerzeit bis zur Vertreibung durch die Nazis war der Schriftsteller und Nervenarzt rund 40 Jahre lang Augenzeuge des Aufstiegs Berlins zur Metropole, hat das Stadtleben reflektiert, kommentiert und mitgestaltet. Der Streifzug durch Döblins Werke und seine Stadt führt zum Alexanderplatz, ins Scheunenviertel, ins Berliner Rathaus, in Krankenhäuser und ins Gefängnis, bis hinter die Vogesen und ins 26. Jahrhundert. Die Schauplätze des Romans Berlin Alexanderplatz bilden den roten Faden, denn seit 25 Jahren leitet Michael Bienert Stadtspaziergänge auf den Spuren des Romanhelden Franz Biberkopf. Das Buch erscheint im Herbst 2017 bei vbb - verlag für berlin-brandenburg.

150 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen. Eine Jubiläumsausstellung

Von Elke Linda Buchholz - Zwischen dicken Plexiglasscheiben klemmt ungesponnene Schafwolle: Rohstoff für Gewebe, Netze, Fallstricke, Wärmendes. Oder Symbolmaterial zum Weiterspinnen. Den Mythos vom Goldenen Vlies nimmt Silvia Klara Breitwieser in ihrer schon vor 30 Jahren entstandenen Installation zur antiken Argonautensage zum Ausgangspunkt, Alltagsfundstücke zwischen Hightech und Lowtech zu befragen. Computerplatine, Torfstück, Eisenschraube, Wollgespinst: Wie entsteht geistiger Mehrwert? Die Gedanken nehmen Fahrt auf. Die Argonautin schifft sich ein und segelt weiter. Acht Positionen von Künstlerinnen versammelt die Ausstellung in der Kommunalen Galerie Berlin. Was sie eint: Sie sind Mitglieder des vor 150 Jahren gegründeten Vereins der Berliner Künstlerinnen. Weiterlesen auf www.tagesspiegel.de

René Wirth, der Dingemaler

Von Elke Linda Buchholz - Der Maler nimmt den Hammer zur Hand. Unverzüglich muss der Keilrahmen nachgespannt werden, gleich hier in der Ausstellung im Haus am Lützowplatz. Denn auf der weißen Leinwand haben sich Dellen gebildet, Schattenwürfe also. Das darf nicht sein, das lenkt bloß ab. In diesem Fall von dem großen Hühnerei, das sich formatfüllend auf der Leinwandfläche rundet. Es ist ein Ei, sonst nichts. René Wirths malt Dinge. Viel größer als in Wirklichkeit erscheinen sie, aber merkwürdigerweise nicht überdimensioniert – sondern gerade richtig, um die fein dokumentierten Oberflächen genau unter die Lupe zu nehmen. Weiterlesen auf www.tagesspiegel.de

Montag, 30. Januar 2017

Das Döblin-Handbuch

Wer sich näher mit Alfred Döblin befasst, verliert leicht den Überblick. Oder kommt ins Aufzählen, weil dieser Autor - jenseits des kanonisierten Großstadtromans "Berlin Alexanderplatz" - ein nicht nur vom Umfang einschüchterndes, sondern äußert vielfältiges Werk hinterlassen hat, in dem Döblin sich immer wieder neu den großen Zeitfragen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellte. Entsprechend hoch ist die Mauer von Sekundärliteratur, die sich mittlerweile um das Werk türmt: Eine vom Deutschen Literaturarchiv erstellte neue Personalbibliografie umfasst 5000 Fundstellen zu Autor und Werk, davon alleine 500 zum Roman "Alexanderplatz".
Um sich in dieser Überfülle zu orientieren, kommt das von Sabina Becker herausgegebene, im Metzler Verlag erschienene "Döblin-Handbuch" gerade recht. Versierte Döblinologen haben sich die Herkulesarbeit aufgeteilt und übersichtlich den Stand der Döblin-Forschung zusammengefasst: Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf der Vielfalt der Interpretationen als auf gesicherten Erkenntnissen zur Entstehungsgeschichte einzelner Werke, zu Döblins eigenen Fragestellungen und Herangehensweisen, zur Bedeutung der Themen und Arbeiten innerhalb des Gesamtwerks. Damit bekommen Leser oder Wissenschaftler rasch festen Boden unter den Füßen, wenn sie sich eingehender mit einem der großen Romane, mit der Bedeutung der furiosen Kurz- und Zeitungsprosa, Döblins Poetik, der Haltung des praktizierenden Nervenarztes zu Psychiatrie und Psychoanalyse oder seinem Exilwerk - um nur ein paar Beispiele zu nennen - befassen wollen. Mit anderen Worten: Dieses spröde und massive, aber im Großen und Ganzen doch sehr um Lesbarkeit bemühte 800-Spalten-Nachschlagewerk ersetzt tatsächlich eine ganze Döblin-Sekundärbibliothek. Es macht damit den Blick frei auf die Werke eines Autors, der sich ein gutes halbes Jahrhundert lang immer wieder neu positioniert hat, sowohl weltanschaulich als auch poetisch, der sich nie mit einem einmal erreichten Bewußtseinsstand oder Schreibstil zufrieden gegeben hat - und dadurch immer ein aktueller und inspirierender Autor bleiben wird.


Sabina Becker (Hg.)
Döblin-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung
J. B. Metzler Verlag, 2016
400 Seiten, 99,95 Euro
ISBN 978-3-476-05376-3
Verlagsinfos

Freitag, 20. Januar 2017

Der letzte Chamisso-Preis geht an Abbas Khider

Foto: Yves Noir / Robert-Bosch-Stiftung
Der Schriftsteller Abbas Khider erhält den mit 15.000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung 2017. Mit diesem Preis wird sein bisheriges Gesamtwerk geehrt. Darin erweise sich Abbas Khider "als sprachsensibler Beobachter der Verzweiflung, Verstörtheit, Wut und Hoffnung junger Männer, die ihre Heimat verlassen müssen und Zuflucht in Europa suchen", so die Begründung der Jury.
Mit der Wahl unterstreicht sie noch einmal die Bedeutung dieses Preises und was damit verloren geht: ein wirksames Förderinstrument für Schreibende, die in ihren Herkunftsländern keinerlei Chance auf eine literarische Karriere haben. In einer Zeit, in der Nationalisten und Rassisten immer hemmungsloser auftreten und politisch salonfähig werden, hat die Robert-Bosch-Stiftung mir ihrer Abschaffung des renommierten Literaturpreises das falsche Zeichen gesetzt. Er wird ab sofort nicht mehr verliehen, weil die Stiftung ihn - angesichts des Erfolges vieler "eingewanderter" Autoren im Literaturbetrieb - für nicht mehr zeitgemäß hält.
Die mit je 7.000 Euro dotierten Förderpreise gehen an die Autorin Barbi Marković für ihren witz- und schwungreichen Stadtroman "Superheldinnen" (Residenz 2016) sowie an den Autor Senthuran Varatharajah für seinen originellen, als Facebook-Dialog aufgebauten Roman "Vor der Zunahme der Zeichen" (S. Fischer 2016). Weitere Informationen

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Wird Alexander von Humboldt überschätzt?

Matthias Glaubrecht ist Gründungsdirektor des
Centrums für Naturkunde der
Universität Hamburg. Foto: Bienert
Im Tagesspiegel setzt sich Matthias Glaubrecht kritisch mit Andrea Wulfs Buch "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" auseinander und kommt zu dem Schluss: "Statt einer Heroisierung Humboldts wird es Zeit, die geläufigen Erzählmuster seiner Biografie aufzubrechen und zu erkennen, dass der kosmische Ansatz von Humboldts Naturverständnis nicht zukunftsfähig war und sein Weltbild längst veraltet ist." Insbesondere verweist Glaubrecht auf Darwin, dessen Evolutionstheorie den Glauben an eine harmonische All-Einheit der Natur überwunden habe. Seine profunde Argumentation kann man hier nachlesen.

Samstag, 24. Dezember 2016

Wie die Futura den Mond eroberte

Von Michael Bienert - Zweckmäßig. Elegant. So wollten Architekten und Designern die Welt nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges umgestalten. Schlichte geometrische Formen galten plötzlich als todschick, auch in der Buchkunst. Serifenlose Schriften, bis dahin fast nur für Reklame und Beschilderungen verwendet, wurden zu einem Erkennungsmerkmal moderner Typografie. Doch die erfolgreichste Schrifttype der neuen Zeit entstand nicht am Bauhaus, sondern wurde von dem erfahrenen Typografen Paul Renner in Zusammenarbeit mit der Bauerschen Schriftgießerei in Frankfurt am Main entworfen. Futura, die Zukünftige, kam 1927 nach dreijähriger Entwicklungszeit auf den deutschen Markt. Renner löste das Problem, die eigentlich aus der Schreibschrift stammenden Kleinbuchstaben aus den geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck und Quadrat zu konstruieren und harmonisch mit den Großbuchstaben der klassischen Antiqua zu verbinden. Durch feine Abweichungen von der starren Geometrie schuf er ein Schriftbild, das so ausgewogen und lesefreundlich wirkte wie traditionelle Druckschriften. Ein wunderschön in allen Futura-Varianten gesetztes Buch und eine Ausstellung (noch bis 30. März 2017 im Gutenberg-Museum Mainz) zeichnen den weltweiten Siegeszug der Schrift nach. Kurt Schwitters etwa benutzte sie Futura für ein neues Corporate Design der Stadt Hannover, von Bauhausmeistern wie Laszlo Moholy-Nogy wurde die Futura kopiert, in Frankreich unter dem Namen „Europe“ vertrieben, in den USA machten das Magazin „Vanity Fair“ und Werbegrafiker sie ab 1929 populär. Da Paul Renner 1932 in der Schweiz eine Streitschrift gegen die Kulturpolitik der Nazis hatte drucken lassen, vertrieben sie ihn vom Direktorenposten der Münchner Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker. Doch die Futura wurde weiter benutzt, etwa vom „Verlag nationalsozialistischer Bilder“ des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann. Fans hatte sie auch bei der US-Weltraumagentur NASA: Für die Beschriftung der Gedenkplakette, die 1969 die ersten Mondbesucher am Landungsort hinterließen, kam einzig die Futura in Frage.

Petra Eisele, Annette Ludwig, Isabel Nagele (Hg.)
Futura. Die Schrift
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2016
520 Seiten, 50 Euro

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Pumpernickel und andere Merkwürdigkeiten aus der Provinz. Ein Buch über westfälische Erinnerungsorte

Typisch Westfalen:
Windmühle in Holzhausen
Foto: Bienert
Von Elke Linda Buchholz - 350 km liegt die Porta Westfalica von Berlin entfernt. Aber in Gedanken ist man auch als Hauptstadtbewohner in Nullkommanix da. Erinnerungen tragen weit und fern: Auch sie sind Markierungen, Einschreibungen, Orte, an die man zurückkehren kann. Sofern sie nicht im Nebel der Vergangenheit verblassen und verschwinden. Um sie anzupeilen, hilft Information.

Punktuelle Tiefenbohrungen ins unwägbare Reich des Westfälischen unternehmen die über 40 Autoren des jetzt erschienenen Bandes "Westfälische Erinnerungsorte", herausgegeben von Lena Krull. HistorikerInnen und StudentenInnen haben sich mehr als drei dutzend Aspekte herausgepickt aus dem weitläufigen Terrain. Zwei Seminare der Uni Münster schoben das Projekt an. Tatsächlich ansteuerbare "Orte", wie der Teutoburger Wald oder der Möhnesee sind auch dabei. Vor allem aber geht es, im Sinne der "lieux de mémoire" des französischen Historikers Pierre Nora, um Abstrakta, um historische Ereignisse und prägende Phänomene, die Westfalen im Denken der Gegenwart markieren. Und das kann auch der westfälische Pumpernickel sein. Wo kommt eigentlich dieser komische Name her? Aus dem Französischen womöglich? Und was ist so westfälisch an dem grobschlächtigen Brot, das mindestens 16 Stunden nur aus Roggenkörnern, Wasser und Salz gegart wird? Schon im 16. Jahrhundert lag das westfälische Backwerk einem durchreisenden italienischen Humanisten schwer im Magen, wie man erfährt.

Die Porta Westfalica selbst rückt durch handfeste denkmalpflegerische Aktivitäten derzeit ohnehin buchstäblich wieder stärker in den Blick. Dort, wo der Weserlauf schon im Jurazeitalter sich seinen Weg durch den Riegel von Wiehen- und Wesergebirge bahnte – was im Volksglauben nur mit Teufels und Gottes Eingreifen geschehen sein konnte –, platzierte die Kaiserzeit ein kapitales Kaiser-Wilhelm-Denkmal. 1896 weihten 20.000 mit Sonderzügen angereiste Gäste und Kaiser Wilhelm II. es bei Sturm und Regen ein. Der riesige Trumms wilhelminischer Denkmalskunst harrte in den Nachkriegsjahrzehnten als Sonntagsausflugsziel hoch oben auf dem Berg aus, wenig geliebt, aber eben vorhanden und rundum zunehmend zugewuchert von Baum- und Buschwerk. Neuerdings wird das architektonische Renommierstück durch den Eigentümer, den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, aufwendig saniert, freigeschnitten, durch Ausgrabungen arrondiert und wieder samt Vorplatz und Substruktionen in seinen imposanten Maßen erlebbar gemacht. Ein riesiges Restaurant im Sockelgeschoss soll Ausflügler verköstigen, die, so hofft man, in Massen strömen werden. Bühne der Erinnerung oder kommerzielles Highlight? Auf dem mattschwarzen Cover glimmt das Wahrzeichen als schimmernd neongrüne Architekturzeichnung, als sei es ein virtuelles Luftschloss.

Lena Krull (Hg.)
Westfälische Erinnerungsorte
Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region
Ferdinand Schönigh Verlag, 2016
592 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 34,90 Euro