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Dienstag, 19. März 2013

Schatzhaus für Picasso und Klee - das erweiterte Museum Berggruen ist wiedereröffnet

Stülerbau (links) und Kommandantenhaus
(rechts) wurden miteinander verbunden.
Von Elke Linda Buchholz. Noch schlummert der neu angelegte Bettina-Berggruen-Garten unter dem Berliner Frühjahrsschnee, aber die Kunst ist schon da. Zwei monumentale Figurengruppen hat der Gegenwartskünstler Thomas Schütte im Hofgarten des wiedereröffneten Berggruen-Museums aufgestellt. Die durch Stricke aneinandergefesselten 'United Enemies' scheinen unbeholfen auf Stelzenbeinen vorwärtszustreben. Ein Hinweis auf die deutsche Geschichte, wie der zur Eröffnung angereiste Olivier Berggruen, Sohn des Sammlers Heinz Berggruen, meint.
Als Sohn eines jüdischen Papierwarenhändlers in Berlin aufgewachsen war Heinz Berggruen 1936 emigriert und kehrte 1996 als erfolgreicher Kunsthändler mit seiner millionenschweren Privatsammlung in die Heimatstadt zurück. Seine exquisite Kollektion von Picasso, Klee, Matisse und Giacometti bezog ein neues Zuhause im klassizistischen Stülerbau gegenüber vom Schloss Charlottenburg. Jetzt weht auch vom Dach des benachbarten Kommandantenhauses die grüne Fahne des Museums: Das Haus hat Zuwachs bekommen. Längst wurde es in den intimen Räumen zu eng, zumal die Familie die Bestände nach dem Tod des Sammlers 2007 durch hochkarätige Dauerleihgaben passgenau ergänzte. Das Land Berlin stellte das historische Kommandantenhaus mit seinen blitzweißen, nobel zurückhaltenden Fassaden gratis zur Verfügung, der Bund bezahlte mit 7,6 Millionen den Umbau.
Die Architekten Kuehn Malvezzi haben die beiden historischen Baukörper durch einen leider allzu klotzigen Riegel aus Stahl und Glas aneinander angedockt. Eine coole Flughafenschleuse, die sich schon jetzt in der Wintersonne treibhausartig aufheizt. Witzelnd schlägt das Wachpersonal vor, im Sommer dort einen Eisstand zu eröffnen.
Picasso hat nun das Stammhaus ganz für sich. Paul Klees zierliche Formate hingegen gewinnen in den kleinen Tageslichtkabinetten des Partnerbaus genau die Stille und Abgeschiedenheit, die sie zum Atmen brauchen. Seine fragilen, farblich leuchtenden Papierarbeiten sind für die persönliche 1:1-Begegnung mit dem Betrachter geschaffen. Heinz Berggruens allererste Erwerbung war ein Blatt von Klee, er kaufte es als Student, noch bevor er überhaupt Kunsthändler wurde. Als Hochbetagter entdeckte der Sammler vor allem Klees Spätwerk für sich. Jetzt umfasst die Kollektion mehr als 60 Arbeiten, darunter Meisterblätter wie das in der Bauhaus-Zeit entstandene Farbstreifenaquarell 'Architektur der Ebene' oder die witzige 'Betrachtung beim Frühstück' mit Henne und Eierbecher. Wunderbar passen dazu die eigensinnig von Berggruen ausgewählten, historischen Bildrahmen, ein Markenzeichen seiner Sammlung.
Anders als den 1940 verstorbenen Klee kannte der Kunsthändler Matisse und Picasso persönlich. Ein neu eingerichteter Dokumentarraum erzählt davon. Matisses späte Scherenschnitte stellte Berggruens Galerie aus, als andere Kenner sie noch als senile Alterswerke belächelten. Ein Plakatentwurf des Künstlers für die Galeriepräsentation 1953 ist im Rohzustand zu sehen.
Im neu geschaffenen Sonderausstellungsbereich trifft Picassos 'Sitzender Harlekin' aus der rosa Periode auf fahrendes Volk von Watteau, Toulouse-Lautrec und Max Beckmann aus der Nationalgalerie und dem Kupferstichkabinett. Picasso vor allem verdankte Berggruen seinen Erfolg als Kunsthändler. Nirgends in Deutschland ist der Spanier nun in all seinen Entwicklungsphasen und Gattungen so umfassend zu erleben wie im Stülerbau.
Der chronologische Parcours beginnt mit frechen Federskizzen des 16-jährigen Pennälers, deren spielerische Metamorphosen zwischen Affen- und Menschenphysiognomien schon den späteren Formenverwandlungskünstler ahnen lassen. 1901 karikiert er sich mit Reisemantel, Hut und Zeichenmappe vor der Kulisse des Eiffelturms. Dann rollt seine Entwicklung Raum für Raum ab: die blaue Periode, die Ära der Demoiselles d'Avignon, Kubismus und Neoklassizismus bis hin zu den ganz späten, furios hingehauenen Akten. Vertraute Ikonen der Berggruen-Sammlung wie 'Dora Maar mit grünen Fingernägeln' wechseln mit raschen Skizzen, Ölstudien, Collagen und lassen Picassos experimentelle, serielle Arbeitsweise deutlich werden. Und es gibt Überraschungen wie das in eine Zigarettenschachtel geklebte Relief einer sitzenden Frau, stilistisch irgendwo zwischen Kubismus und Surrealismus. In der kleinen Gelegenheitsarbeit steckt der ganze Picasso, unbändig kreativ, aggressiv und zärtlich.

Mehr zur Sammlung unter smb.museum.de

Erstdruck: STUTTGARTER ZEITUNG vom 19. März 2013

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