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Dienstag, 11. Juni 2013

Ein Blick auf die Berliner Schlossbaustelle

Vor dem ins Staatsratsgebäude
eingebauten Schlossportal (Mitte)
entsteht das Fundament für die
Schlosskopie. Foto: Bienert
Von Michael Bienert - Sieben Bagger gleichzeitig kämpfen in der tiefen Baugrube gegen die Sandberge. An  gewaltigen Kranarmen schweben Stahlstreben wie filigrane Spaghettibündel über den Platz. Ameisenhafte Bauarbeiter dirigieren sie nach einem undurchschaubaren Plan. „Dort wird gerade die Fundamentplatte für das Schloss gegossen“, erklärt ein Mitarbeiter des Fördervereins Berliner Schloss das Bagger- und Kranballett, das draußen vor dem Fenster der Info-Box aufgeführt wird. „Da drüben, sehen Sie, da kommt einmal die Schlosskuppel hin. Und der U-Bahn-Tunnel wird in 22 Metern Tiefe drunter weg gebohrt, das berührt uns hier gar nicht. Der neue Bahnhof entsteht unter der Spree“. Mittendrin in dem Wimmelbild ist ein einzelnes Menschlein damit beschäftigt, aus roten Ziegelsteinen den Grundstein aufzumauern. Am Mittwoch kommt der Bundespräsident zu den offiziellen Grundsteinlegungsfeierlichkeiten für das neue Berliner Schloss. Seit einem Jahr schon wird am Fundament gebaut: 3000 Eichenpfähle, die das alte Hohenzollernschloss im morastigen Untergrund aufrecht hielten, mussten gezogen und neue Betonpfähle in den Boden gerammt werden. Man sei voll im Zeitplan, versichert die „Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum“, seit 2009 Bauherrin des Großprojekts.


In der Berliner Öffentlichkeit ist es seltsam ruhig um diese Baustelle geworden. Der jahrelange Streit zwischen Schlossfans und Schlossgegnern, Anhängern des preußischen Barock, Liebhabern von Erich Honeckers Palast der Republik und Befürwortern einer zeitgenössischen Architektur scheint abgehakt. Nachdem der Bundestag 2002, 2003 und 2007 für den Wiederaufbau der Schlossfassade mit modernem Inhalt gestimmt hatte, ermattete die Streitlust der Kritiker. Derzeit bietet das Projekt kaum neuen Diskussionsanreiz, weil es – anders als der neue Berliner Großflughafen oder die Sanierung der Staatsoper – professionell gemanagt wird und keine Negativschlagzeilen produziert. In der Berliner Wahrnehmung ist diese prominente Baustelle eine unter vielen, man arrangiert sich und damit gut.

Auf Enthusisasmus trifft der Besucher in der ersten Etage der futuristischen Humboldt-Box, wo die Spendensammler des Fördervereins Berliner Schloss jeden Ankömmling sofort in ein Gespräch verwickeln. Einer der älteren Herren bedient das Schlossmodell mit den Schubladen, alle einzelnen Etagen des künftigen Humboldt-Forums lassen sich  herausziehen und die Grundrisse der geplanten Bibliothek, des Veranstaltungsforums und der ethnologischen Museen betrachten. Nebenan steht der Spendenautomat. Eine Spendenuhr zeigt an: Es fehlen noch 53,5 Millionen von den 80 Millionen Euro, die der Förderverein für die historische Fassade zugesagt hat. Der Schlossverein sieht das naturgemäß optimistisch. Er sammelt seit 20 Jahren nach dem von Antoine de Saint- Exupéry ausgeliehenen Motto: „Wenn Du ein Schiff bauen willst,
so trommle nicht Leute zusammen,
um Holz zu beschaffen, 
Werkzeuge vorzubereiten, 
Aufgaben zu vergeben 
und die Arbeit einzuteilen,
sondern wecke in Ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!”

Vereinsgeschäftsführer Wilhelm von Boddien rechnet vor, dass im gleichen Baustadium der Dresdner Frauenkirche erheblich weniger Spenden zugesagt gewesen seien: “Wir sind deshalb davon überzeugt, dass wir bis 2019 mit großem, auch persönlichem Einsatz unser Spendenziel erreichen. Erfahrungsgemäß kommen mehr als zwei Drittel der Spenden erst zusammen, wenn der Bau in seiner ganzen Schönheit sichtbar wird, also im letzten Drittel der Bauzeit.“

In den beiden Etagen der Infobox indes, wo die künftigen Nutzer für ihr Humboldt-Forum werben, sieht es gähnend leer aus. Die Ausstellungsmodule über den Froschhandel in Afrika, Vertriebswege des chinesischen Porzellans und die Seidenstraße sind keine Publikumsmagneten. Vielleicht liegt es auch nur am sonnigen Kaiserwetter um die ehemalige Kaiserresidenz. Eine Miniausstellung der Humboldt-Universität über die Megastadt Dhaka befindet sich gerade im Aufbau. So recht klar ist noch nicht, wie die geplanten ethnologischen Ausstellungen die extrem hochgeschraubten Erwartungen an ein Museum des 21. Jahrhunderts befriedigen sollen. Um die Ausstellungsmacher auf erfrischende Ideen zu bringen, finanziert die Kulturstiftung des Bundes bis 2015 ein “Humboldt-Lab” am bisherigen Museumsstandort in Dahlem, wo Kuratoren und Künstler gemeinsam spielerische Präsentationsformen von Museumsobjekten testen können.

Mit dem Fahrstuhl geht es rauf auf die Aussichtsplattform der Humboldt-Box, die Fahrkabine ist innen rundum mit Zitaten des Weltreisenden Alexander von Humboldt betextet: “Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag.” 590 Millionen Euro darf das Humboldt-Forum kosten, davon zahlt der Bund 478 Millionen, das Land Berlin 32 Millionen, der Rest muss durch Spenden zusammenkommen. Ein beeindruckender Kraftakt, um die schlimmste Leerstelle im historischen Stadtgrundriss Berlins zu füllen. Seine Legitimation aber bezieht der Bau daraus, dass die Schlosshülle einen öffentlichen Ort umschließen soll, ein Kulturzentrum für alle, vor allem aber für den Dialog mit den außereuropäischen Kulturen. Erst diese Idee, die im Jahr 2000 Klaus-Dieter Lehmann, damals Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in die Diskussion einspeiste, ebnete den Weg zu einer demokratischen Kompromisslösung.

Den Staat kostet das Kulturschloss etwa soviel wie das flügellahme Projekt Euro Hawk oder 20 Kilometer neue Autobahn. Ein internationales Kulturzentrum mitten in der Hauptstadt ist eine sichere Geldanlage mit garantiertem PR-Erfolg, nicht nur für Berlin, sondern für das ganze Land. In sechs Jahren soll das Humboldt-Forum fertig sein: Es bleibt noch viel Zeit, auch danach, die barocke Bonbonniere mit begeisternden Inszenierungen zu füllen. Der Panoramablick von hoch oben auf die wimmelnde Baustelle ist jetzt schon den Besuch wert.

GESCHICHTE Bereits nach der Abdankung des letzten deutschen Kaisers im Jahr 1918 wurde das Berliner Stadtschloss als Museum genutzt. 1950/51 ließ die DDR-Führung den im Krieg schwer beschädigten Bau abräumen. Der 1976 eröffnete Palast der Republik auf dem Areal wurde 1990 geschlossen und 2009 abgerissen.

ARCHITEKTUR Der Italiener Franco Stella gewann 2008 den Architekturwettbewerb mit einem Entwurf, der an drei Seiten eine historische Rekonstruktion der Schlossfassaden vorsieht, zur Spree eine moderne Gebäudefront mit Loggien. Auch die Schlosshöfe bekommen teils barocke, teils ornamentlose Fassaden.

STREITFALL KUPPEL Die Schlosskuppel aus dem 19. Jahrhundert sollte aus Kostengründen nur stark vereinfacht rekonstruiert werden, dank einer anonymen Großspende im Frühjahr 2013 ist nun ein kompletter Nachbau möglich.

Erstdruck: STUTTGARTER ZEITUNG vom 12. Juni 2013

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