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Donnerstag, 7. November 2013

Herbstsalon im Maxim-Gorki-Theater eröffnet

Shermin Langhoff
"Da muss auch Bildende Kunst rein, denn Theater kann nicht alles erzählen", sagt Shermin Langhoff, die neue Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, dieser Gedanke habe sie schon seit Jahren begleitet. Also beginnt die neue Spielzeit mit einer Ausstellung, dem "Berliner Herbstsalon", geöffnet zehn Tage lang von mittags bis Mitternacht. Eintritt frei. Ein langer Parcours mit Kunstwerken und Installationen zieht sich durchs Theater, sein Verwaltungsgebäude und das Palais am Festungsgraben. Die Arbeiten schlagen eine Brücke zwischen dem neuen Ort und dem "postmigrantischen" Theater, das Shermin Langhoff aus dem Kreuzberg Off in das kleine Staatstheater mitgebracht hat. Es liegt hinter der Neuen Wache nah an der Straße Unter den Linden, die nach den Befreiungskriegen zu einer Triumph- und Heldengedenkstraße ausgebaut wurde, zu einem Ort, an dem das preußische und deutsche Nationalbewusstsein gepäppelt wurde - bis hin zur Einrichtung des Deutschen Historischen Museums und der Neugestaltung der Neuen Wache als Nationalgedenkstätte in der Kohl-Ära.
Aus dem noblen Palais am Festungsgraben, dem ehemaligen preußischen Finanzministerium, hat die türkisch-deutsche Künstlerin Nevin Aldag einen langen orientalischen Teppichläufer ausgerollt, eine einladende Geste an die Flaneure hinter der Neuen Wache. Oben im zweiten Stock liegt ein riesiger Angela-Merkel-Kopf wie ein Trümmerstück eines gigantischen Denkmals in einem Saal. An den Wänden hängen Fotos von Reiterdenkmälern wie dem Friedrich-Monument Unter den Linden oder dem "Goldenen Reiter" in Dresden, aus denen Kaya Behkalam die männlichen Herrscherfiguren sorgsam herausretuschiert hat. Nebenan bilden Teile eines Stuhls auf dem Boden das Wort "enqelab". Auf Farsi bedeutet das: Revolution. Der Künstler Azin Feizabadi hat es aus einem nachgebauten Sitz im ersten iranischen Parlamentgebäude geformt. Ein Hinweis auf die konstitutionelle Revolution in Persien von 1906 und zugleich ein Link zur Geschichte des Maxim-Gorki-Theaters, in dem nach der Märzrevolution von 1848 die Preußische Nationalversammlung tagte.
Im prächtigsten Saal des Palais hat der serbische Künstler Rasa Todosijevic Tische in Form eines Hakenkreuzes angeordnet, Reste eines Festbanketts werden sie ab morgen bedecken und unter dem Titel "Gott liebt die Serben" auf den aktuellen serbischen Nationalismus verweisen. Im Studio des Gorki projiziert Hakan Savas Mican Filmaufnahmen des Staatsgründers Atatürk und des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan auf ein weiß verhülltes Auto. Seine Installation beleuchtet die Verbindung von nationaler Rhetorik und technokratischen Heilsversprechen in der Türkei. Im Garten hinter dem Theater hängt eine riesige schwarze Haßkappe mit Strahlenkranz in den Bäumen und schwankt im Wind - sie wäre groß genug für die originale Freiheitsstatue in New York und stammt von dem in Bukarest geborenen Künstler Daniel Knorr.
So nehmen rund 30 Künstler und ein Kuratorenteam (Shermin Langhoff mit Cagla Ilk, Erden Kosova und Antje Weitzel), die aus verschiedenen Ländern und Kulturen stammen, den Nationalismus von gestern und heute, die internationale Finanzkrise und die aktuelle politische Szenerie kritisch in den Blick. Direkt auf das Theater lässt sich dieser Zugriff schwerlich übertragen, aber damit ist ein Horizont abgesteckt, vor dem künftig inszeniert werden soll. Am 15. November geht es los, mit der Premiere von Tschechows "Kirschgarten", einem modernen Klassiker in der Regie des in Ankara geborenen Nurkan Erpulat. Die Ausstellung zum Reinschnuppern in das Theater macht neugierig. Infos unter www.gorki.de

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