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Dienstag, 30. Dezember 2014

Zum Fontanegeburtstag: "Graf Petöfy" gerettet!

Foto: Stadtmuseum Berlin
Pünktlich zum 195. Geburtstag von Theodor Fontane, heute am 30. Dezember 2014, wurde die Restaurierung des handschriftlichen Romanmanuskripts „Graf Petöfy“ erfolgreich abgeschlossen. Möglich wurde dies durch die Unterstützung der Theodor Fontane Gesellschaft, die auch die anschließende Digitalisierung finanzierte. Im Jahr 1902 schenkten die Erben des Dichters dem Märkischen Provinzialmuseum, heute Stadtmuseum Berlin, Erinnerungsstücke sowie seinen Schreibtisch und die darin aufbewahrten Werkmanuskripte. Das Museum verpflichtete sich, die Materialien aufzubewahren, zu pflegen und der Forschung zur Verfügung zu stellen. Im Verlauf der vergangenen 130 Jahre war das Papier so brüchig geworden, dass es nun dringend stabilisiert werden musste. Die Berliner Papierrestauratorin Anika Knop löste die von Fontane aufgeklebten Korrekturzettel ab und fixierte sie am Rand. Dadurch können Wissenschaftler erstmalig auch die vom Dichter überklebten Textstellen einsehen und die Rückseiten der Klebezettel in vollem Umfang auswerten. Im Anschluss an die Restaurierung wurde das Manuskript digitalisiert. Künftig werden die Autographen Fontanes auf der Internetseite des Stadtmuseums Berlin veröffentlicht sein: www.stadtmuseum.de/sammlungen/sammlung-zur-literaturgeschichte. Ziel ist es, bis zum 200. Geburtstag des Dichters im Jahr 2019 den gesamten im Stadtmuseum Berlin erhaltenen handschriftlichen Nachlass von 10.000 Blatt wieder der Forschung zugänglich zu machen. Die Schriftstücke geben dem Betrachter Auskunft über die Arbeitsweise des Dichters und die Entstehungsgeschichte der Werke. Dreiviertel meiner ganzen literarischen Tätigkeit ist überhaupt Korrigieren und Feilen gewesen Und vielleicht ist drei Viertel noch zu wenig gesagt, charakterisierte Fontane seine Arbeitsweise. So schrieb er mit schwarzer Tinte und korrigierte mit Blau-, mit Blei- oder Rotstift. Nicht selten beschrieb er die Seiten bis an den äußersten Rand. Textteile aus bereits verworfenen Fassungen schnitt er aus und überklebte zu korrigierende Passagen. Aus Sparsamkeit verwendete Fontane sogar die leeren Rückseiten von Notizblättern oder verworfenen Textentwürfen für seine Romanmanuskripte. Besonders in der frühen Schaffenszeit verwendete der Autor minderwertiges, holzhaltiges Papier, so auch im Falle des in den 1880er Jahren entstandenen Romans „Graf Petöfy“. (Quelle: Stadtmuseum Berlin, Pressemitteilung/Judith Kuhn)

Sonntag, 14. Dezember 2014

Chamisso in Kunersdorf - Buntbuch 55 erschienen

"Wie ich einmal auf dem Lande Langeweil und Muße genug hatte, fing ich anzu schreiben", berichtet Adelbert von Chamisso 1829 in einem Brief über die Entstehung von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte im brandenburgischen Kunersdorf, wohin Freunde den Botaniker und Dichter vor der antifranzösischen Stimmung im Berlin der Freiheitskriege gegen Napoleon in Sicherheit gebracht hatten. Chamisso nährte die Legende, die Erzählung sei quasi absichtslos entstanden, weil dies seiner späteren Poetik entsprach. Doch es gibt Quellen im Nachlass, die ein anderes Licht auf den Entstehungsprozess werfen: "Das Blitz Prosa schreiben wird mir ungeheuer Sauer - mein Brouillon sieht toller aus als alle Verse, die ich je gemacht - hat es sich denn zu ruhiger vernünftiger Prosa gesetzt?" So Chamisso im September 1813 aus Kunersdorf an den Freund Hitzig in Berlin. Im Dialog mit dem Freund arbeitete Chamisso zielstrebig daran, sich zum Prosaerzähler weiterzuentwickeln. Der Blick in den Nachlass erlaubt es, Chamisso Selbstauskunft über die Entstehung seiner berühmtesten Erzählung einer kritischen Revision zu unterziehen. Insofern war es eine gute Entscheidung, das vor Jahren erschienene Frankfurter Buntbuch über Chamisso in Kunersdorf von einer Bearbeiterin des Chamisso-Nachlasses in der Berliner Staatsbibliothek noch einmal neu schreiben zu lassen. Die Autorin Monika Sproll ist dort mit der wissenschaftlichen Erschließung und Digitalisierung des Nachlasses beschäftigt. Im Chamisso-Literaturhaus berichtete sie heute bei der Buchvorstellung, wie sehr Chamisso über die Entstehung des Schlemihl hinaus mit Kunersdorf verbunden war. Während seines Aufenthaltes auf dem Mustergut der Familie Itzenplitz im Jahr 1813 arbeitete er an einem Verzeichnis der dort kultivierten Gewächse. Auch nach seiner Weltreise (1815-18) hielt der Botaniker Chamisso den Kontakt nach Kunersdorf. Als er 1821 den Auftrag erhielt, 30 Herbarien für Schulen anzulegen, sandte Chamisso Listen von Pflanzen, die dann für ihn in Kunersdorf angebaut und nach Berlin verschickt wurden.

Monika Sproll
Adelbert von Chamisso in Cunersdorf
Frankfurter Buntbücher 55
Kleist-Museum-Frankfurt/Oder 2014
Vertrieb durch den Verlag für Berlin-Brandenburg
32 Seiten, zahlreiche Abbildungen
8 Euro

Samstag, 13. Dezember 2014

Peter Schlemihl - Geschichte eines Buches im Kleist-Museum

Blick in die Frankfurter Ausstellung
Fotos: Michael Bienert
Von Michael Bienert. Das Originalmanuskript mit dem Titel "Peter Schlemiels Schicksale" aus der Berliner Staatsbibliothek ist das kostbarste Exponat der heute eröffneten Sonderausstellung im Frankfurter Kleist-Museum. Immerhin hat die Staatsbibliothek sich als Leihgeber kulant gezeigt, nachdem sie sich beharrlich geweigert hatte, zum 200. Geburtstag von Chamissos berühmtestem Werk eine Ausstellung auszurichten. Als Hüterin des schriftlichen Chamisso-Nachlasses wäre sie dazu prädestiniert gewesen. Nun hat es das Kleist-Museum mit Unterstützung der in Kunersdorf ansässigen Chamisso-Gesellschaft geschafft, kurz vorm Ende des Schlemihl-Jubiläums eine Ausstellung zur "Geschichte eines Buches" zu realisieren. Zu sehen sind zahlreiche Originalausgaben aus der reichen Illustrationsgeschichte von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte, recherchiert und ausgewählt von dem Londoner Experten und Sammler Bernd Ballmann. In seinem Einführungsvortrag zeigte Ballmann, wie Illustratoren von der Geschichte zu eigenständigen Deutungen und Bildlösungen inspiriert wurden. Der Berliner Künstler Ullrich Wannhoff ordnete Chamissos Weltreise auf einem russischen Forschungsschiff in die Tradition deutscher Wissenschaftler im Russland des 18. und 19. Jahrhunderts ein. In der Ausstellung setzen Wannhoffs expressive Bilder zu Motiven von Chamissos Weltreise einen schönen Kontrapunkt zu den in Vitrinen präsentierten Buchausgaben. Die Exponate sind um bedruckte Stoffbahnen mit Texten und Bildern zum Schlemihl-Stoff arrangiert. Dieser Teil der Präsentation ist als Wanderausstellung konzipiert, sie soll zunächst im Chamisso-Literaturhaus in Kunersdorf und im Frühjahr in der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen gezeigt werden. Hoffentlich folgen weitere Stationen.

Bis 1. März 2015 im Kleist-Museum. Weitere Informationen

Bernd Ballmann erklärt akribisch die Feinheiten von Buchillustrationen.

Schlemihl aus Meißner Porzellan (um 1925), eine Leihgabe aus der
Sammlung des Schriftstellers Günter de Bruyn. Man
beachte den Schatten, den die Figur wirft (rechts im Bild)!

Freitag, 5. Dezember 2014

KÄSTNERS BERLIN in der Berliner Morgenpost

"Der 50-jährige Literaturwissenschaftler und Publizist Michael Bienert hat sich schon oft als kenntnisreicher Fährtenleser von Dichtern in Berlin erwiesen. Er hat Friedrich Schiller, Joseph Roth, Bertolt Brecht und viele andere mit vorbildlicher Akribie auf ihren Wegen durch die Stadt verfolgt und dabei jedes Mal auch das historische Kolorit ihrer Zeit herausgearbeitet. So gelingt es ihm auch bei Kästner", lobt die Berliner Morgenpost den Autor von Kästners Berlin in ihrer heutigen Ausgabe. Das sehen auch andere so: Deshalb geht das Buch kurz nach Erscheinen bereits in die 2. Auflage. Sie wird allerdings erst kurz vor Weihnachten fertig sein. Die erste Auflage ist  - noch - lieferbar.

Amerikanische Reisetagebücher Alexander von Humboldts in der Staatsbibliothek - und ab sofort online

Alexander von Humboldts eigenhändige Notizen über den Aufstieg zum Chimborazo, Zeichnungen eines Piranhas und eines rauchenden Basaltkegels nach einem Vulkanausbruch, geologische und meteorologische Aufzeichnungen aus dem Reisegepäck des Naturforschers: Das ist noch bis zum morgigen Samstag in der Staatsbibliothek am Kulturforum zu besichtigen, ehe die Amerikanischen Reisetagebücher aus konservatorischen Gründen wieder im schützenden Dunkel verschwinden. Die wertvollen Aufzeichungen sind zwischen 1799 und 1804 entstanden und 2013 für 12 Millionen Euro für die Staatsbibliothek erworben worden. Alle rund 4000 beschriebenen Seiten stehen den Humboldt-Forschern in aller Welt ab sofort als Digitalisate in hoher Auflösung zu Verfügung.

AUSSTELLUNG der Amerikanischen Reisetagebücher 
Alexander von Humboldts 
4. - 6. Dezember 2014 
Öffnungszeiten 4.12.14: 14 - 21 Uhr 
5. und 6.12.14: 10 - 19 Uhr
Führungen durch die Ausstellung Freitag, 5. Dezember 2014 um 15 Uhr 
Samstag, 6. Dezember 2014 um 11 sowie 14 Uhr 
Eintritt frei 
Staatsbibliothek zu Berlin 
Dietrich-Bonhoeffer-Saal 
Haus Potsdamer Straße 33 
10785 Berlin

Germania - Vision und Verbrechen: Eine anregende Neuerscheinung zur NS-Stadtplanung

Germania in Stuttgart: An der Neckartalstraße
stehen 14 Travertinsäulen, die für den geplanten
Mussoliniplatz in Berlin gefertigt wurden.
Foto: Wikimedia
"Ich halte `Germania` nicht für ein zentrales Projekt des Nationalsozialismus", sagt der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz in einem der Interviews, das Studenten der TU Berlin für den Band Mythos Germania - Vision und Verbrechen geführt haben. Das umfangreiche, einladend gestaltete Begleitbuch zu einer neuen Ausstellung des Vereins Berliner Unterwelten will vor allem eines: die Planungen des NS-Generalbauinspektors Albert Speer für die Reichshauptstadt entmystifizieren. Eine Faszination des Bösen angesichts der gigantomanischen Stadtentwürfe im Auftrag Hitlers soll gar nicht erst aufkommen. Stattdessen liefert der Band präzise Informationen über das Planungsgeschehen, über Judendeportationen und Zwangsarbeit in Zusammenhang mit dem avisierten Umbau Berlins. Albert Speers Selbstmystifikation als genialer und politisch naiver Künstlerarchitekt im Dienst eines wahnsinnigen Diktators und die ideologische Funktion von Architektur im Nationalsozialismus werden kritisch unter die Lupe genommen. Die Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekämper plädiert für einen differenzierten Umgang mit diesem Erbe: "Ich glaube nicht, dass Albert Speers Straßenlaternen an der Straße des 17. Juni als Gefahr für die Demokratie zu werten sind." Solche Statements machen Lust, genau hinzuschauen und sich tatsächlich ganz konkret mit den NS-Planungen und ihren Auswirkungen über das Jahr 1945 hinaus zu beschäftigen.

Dagmar Thorau / Gernot Schaulinski (Hg.)
Germania - Vision und Verbrechen
Edition Berliner Unterwelten 2014
Broschiert, 200 Seiten, 14,90 Euro
Bestellen

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Auf den Spuren Erich Kästners in Dresden

Erich Kästner hat schön gemachte Bücher verdient. Das müssen nicht schwere Geschütze sein wie unser Bildband Kästners Berlin, der - glauben wir dem Vertrieb - im Berliner Vorweihnachtsbuchhandel eingeschlagen hat wie eine Bombe. Zeitgleich ist Matthias Stresows Auf den Spuren Erich Kästners in Dresden ist im Sandstein Verlag erschienen, im kleinen Format, nur 64 Seiten stark, aber profund recherchiert, schön bebildert und perfekt gestaltet. Mit diesem
Cicerone lässt sich leicht und beschwingt zu den Kindheitsorten Kästners in Dresden pilgern. Und womöglich kommt einem dabei die bunte Kinderstraßenbahn entgegen, die "Lottchen" heißt, und in der Matthias Stresow den Dresdner Kindern seine Stadt erklärt.

Matthias Stresow
Auf den Spuren Erich Kästners in Dresden 
64 Seiten, 27 sw-Abb. 15 x 15 cm, Broschur
Sandstein Verlag, Dresden 2014
ISBN 978-3-95498-140-3
6,00 EUR

Friedenauer, auf den Hund gekommen

Wer noch nicht weiß, was er der Besitzerin oder dem Besitzer eines Jack Russell oder Foxterrier zu Weihnachten schenken soll, hier ein Tipp: Im Verlag Friedenauer Brücke ist ein kapitaler Bildband mit rund 500 Fotos erschienen, die Vertreter dieser sympathischen Hunderasse in allen erdenklichen Lebenslagen zeigt: als Kuscheltier, Familienhund und Spielgefährte für Kinder, bei der Rattenbekämpfung in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges und als dressierte Zirkusattraktion. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Besuch vor ein paar Jahren bei dem Verlegerehepaar in ihrer Friedenauer Wohnung, wo ein altersschwacher Terrier sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Jack hieß der greise Familienhund, der inzwischen das Zeitliche gesegnet hat, und so heißt nun auch das Buch. Das letzte Foto darin ist eine historische Postkarte vom Hundefriedhof im Londoner Hyde Park. Einen so schönen Grabstein wie dieses Buch aber hat noch nie ein Foxterrier erhalten.

Evelyn Weissberg / Hermann Ebling (Hg.)
Jack
Ein kleines Album für einen großartigen Hund
Format 21 x 21 cm, 240 Seiten, mit Lesebändchen und farbigem Vorsatzpapier,
über 500 Abbildungen
Edition Friedenauer Brücke, Berlin 2014
32,00 €
ISBN: 978-3-9816130-1-8 
Zu bestellen über den Verlag

Samstag, 29. November 2014

Uwe Rada umrundet die Adria

Von Michael Bienert. Auch ich verbinde mit der Adria kostbare Kindheits- und Jugenderinnerungen: Unvergesslich die morgendliche Ausfahrt auf einem Fischerboot vor der kroatischen Küste, der Geschmack fangfrischer Fische und Feigen vom Baum. Auf eine Reise ins Ferienland seiner Kindheit nimmt Uwe Rada, taz-Redakteur und Spezialist für die Kulturgeschichte europäischer Flüsse und des Baltikums, die Leser in seinem neuen Buch mit. Persönliche Erinnerungen an den Massentourismus an italienischen Stränden der sechziger Jahre sind sein Ausgangspunkt für die kulturhistorische Rückschau bis zu den alten Griechen und Römern, zu deren Handels- und Machtsphäre dieses Meer gehörte. In jüngster Zeit hat Rada die Adria einmal umrundet und erzählt davon, wie sich das ehemals von Europa abgeschottete Albanien geöffnet und wie sich die Stimmung in den Küstenländern Exjugoslawiens nach dem Bürgerkrieg und der Gründung neuer Staaten entwickelt hat. Das Buch schließt mit einer Liebeserklärung an Istrien, wo das Nach- und Nebeneinander vieler Kulturen als bereichernde Vielfalt gelebt werde: "Ja, die Adria war und ist eine Brücke zwischen Okzident und Orient, an ihr schied sich einst die christliche von der islamischen Welt. Über die Adria könnte sie auch wieder zusammenwachsen." Ein anregendes  Begleitbuch für jede Reise ins Einzugsgebiet der Adria, aber auch schön zu lesen für alle, die als Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern zum Baden nach Italien oder Jugoslawien gefahren sind, ohne zu wissen, aus welchen Traditionen sich der Charme dieses Kulturraums speist. 

Die Adria. Die Wiederentdeckung eines Sehnsuchtsortes, 336 Seiten mit Abbildungen und Fotos von Inka Schwand, ISBN: 978-3-570-55222-3. Erschienen im Pantheon-Verlag, 14,99 Euro.

Mehr Infos auf der Website von Uwe Rada

Dienstag, 25. November 2014

RealSurreal - Fotoausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg

Von Elke Linda Buchholz. Real – surreal – völlig egal?! Das Wolfsburger Kunstmuseum zeigt Fotografie des Neuen Sehens der 20er und 30er Jahre, die damals Avantgarde war und heute Klassikerstatus hat. Fast alles, was Rang und Namen hat aus der damaligen Fotoszene, ist in der Ausstellung vertreten: Albert Renger-Patzsch, Yva, Herbert List, Aenne Biermann, Herbert Bayer, Grete Stern, Alfred Ehrhardt, Dora Maar, Man Ray, André Kertesz, Karel Teige und viele mehr. Zudem hat der Münchener Sammler Dietmar Siegert allerlei unbekanntere Fotografen aus seinen Mappen und Schränken mitgebracht, und sie zu entdecken macht besonderes Vergnügen. Der ehemalige Filmproduzent, der einst rum die Welt Dokumentarfilme realisierte, begann sich schon früh für die Fotokunst zu begeistern. So konnte er von erschwinglichen Preisen auf dem Markt profitieren, bevor die Schätzwerte in die Höhe schossen. Vor allem die ganz frühen Aufnahmen der Fotopioniere aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten es ihm angetan, wie Siegert zur Ausstellungseröffnung erzählt. Seine raren Schätze zur deutschen Lichtbildkunst bis 1890 hat er vor kurzem in die Obhut des Münchener Stadtmuseum gegeben. Für die Italienmotive interessierte sich dann auf einmal sogar die Neue Pinakothek. In deren Ausstellungssälen dürfen die historischen Aufnahmen italienischer Hotspots künftig kongenial die gemalten Ansichten aus dem Land, wo die Zitronen blühen, ergänzen. Dass Siegert eher nebenbei vor einigen Jahrzehnten begann, auch Fotokunst der Zwanziger Jahre zu sammeln, wird erst jetzt öffentlich sichtbar. Nur Einzelstücke hat der Sammler bislang, etwa in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg, als Leihgaben gezeigt. Wie umfangreich und facettenreich er den Sammlungsbereich des "Neuen Sehens" arrondierte, zeigt jetzt die Wolfsburger Schau (bis zum 6. April 2015). Und damit stellt sich zugleich die Frage: In welchem Museum wird dieser hochkarätige Bestand wohl einmal seine Bleibe finden? Denn museale Qualitäten hat das Konvolut, von dem jetzt eine Auswahl ans Licht kommt. Weiterlesen

Sonntag, 23. November 2014

KÄSTNERS BERLIN: im Tagesspiegel am Sonntag, online und im Radio

Der gedruckte TAGESSPIEGEL AM SONNTAG berichtet heute auf einer ganze Seite von den Entdeckungen Michael Bienerts bei der Recherche zu seinem Buch Kästners Berlin. Die Onlineausgabe des TAGESSPIEGEL publiziert ein Kapitel aus dem Buch und eine Bildstrecke zu Kästners Orten in Berlin. Für das rbb-Inforadio hat Marianne Mielke ein langes Interview mit dem Autor geführt, das hier nachgehört werden kann.

Michael Bienert
Kästners Berlin. Literarische Schauplätze
160 Seiten, ca. 200 Abb.
Verlag für Berlin und Brandenburg
Berlin 2014, 24,99€

Freitag, 21. November 2014

Kühle Sache. Die Neupräsentation der Sammlung im Kunstgewerbemuseum Berlin

Foto: SMB / Stefan Klonk
Von Elke Linda Buchholz. Kühl, das ist der erste Eindruck, wenn man ins Foyer des nach drei Jahren Schließzeit wieder eröffneten Kunstgewerbemuseums am Kulturforum tritt. Nein, die Heizung ist es nicht. Sie funktioniert an diesem grauen Novembertag. Aber anheimelnd nimmt einen der spröde Bau auch nach dem Umbau von Kuehn Malvezzi nicht in Empfang. Nackte Betonsäulen, kalkweiße Wände und darauf grellgroße, rote Riesenlettern. Das Foyer, mit dem der Architekt Rolf Gutbrod den offenen Stadtraum ins Innere verlängern wollte, wirkt nach wie vor zu groß, zu hoch, zerfahren und trotzdem irgendwie bedrückend mit seinen niedrigen Geschossdecken und dem dazwischen aufklaffenden Treppenschacht, der sich sogleich in alle Etagen öffnet. Schon als der 1965 entworfene Bau mit zwanzig Jahren Verspätung in den Achtzigern eröffnete, empfand man ihn als Anachronismus, ein ungeschlachter Architekturdinosaurier im Stil des Brutalismus. Dieser rohe, klotzig-klare Stil erfreut sich zwar in jüngster Zeit plötzlich einer neuen Wertschätzung. Aber das ungeliebte Sorgenkind am Kulturforum, wie Generaldirektor Michael Eissenhauer den Musuemsbau nennt, wird wohl nie zum Berliner Liebling werden. Was also tun damit? Das Büro Kuehn Malvezzi nahm sich der Sache an – und entdeckte unverhofft seine Freude an dem sperrigen Stück Architektur. Weiterlesen

Donnerstag, 13. November 2014

Matisse und Dufy unter Palmen

Elke Linda Buchholz war im Museum Berggruen und hat den Auftakt der Ausstellungsreihe "Sideways" für den Tagesspiegel besprochen. Hier lesen

Mittwoch, 12. November 2014

Kästners Berlin - das erste gedruckte Exemplar

Das erste Exemplar von Kästners Berlin ist da! Große Erleichterung: Der Druck ist perfekt, die Fotos sehen super aus. Morgen um 20 Uhr ist die erste Buchvorstellung in der Büchergilde Buchhandlung am Wittenbergplatz.

Wahrzeichen des Wandels: Potsdamer Platz auf der Deutschen Welle

Auf dem Potsdamer Platz wurde Michael Bienert als Experte für die Geschichte und den Wandel des Platzes interviewt. Den Beitrag der Deutschen Welle können Sie hier sehen. Das Buch zum Thema:

Michael Bienert
Potsdamer Platz - Am Puls von Berlin 
106 Seiten, 140 Abbildungen
In deutsch, englisch, französisch, italienisch, spanisch, niederländisch Berlin Story Verlag, 2013, Broschur, 16,80 EUR

Sonntag, 9. November 2014

Im Theater (54): Die Welt ist kaputt. Castorf inszeniert Malaparte an der Volksbühne

"Kaputt": Die Volksbühne am Premierenabend
Von Michael Bienert. Während draußen in der Stadt das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls mit einem heiteren Lichterfest, Menschengedränge und Musik gefeiert wird, rollt am Rosa-Luxemburg-Platz ein Panzer auf die Bühne. Männer in Soldatenkluft schlagen die Zeit mit Gesprächen und der Jagd nach Frauen tot, es sieht sehr nach dem Bürgerkrieg in der Ostukraine aus, doch blendet Volksbühnenchef Frank Castorf in seiner „tour de force européenne“ nach Texten von Curzio Malaparte zurück in die Endphase des Zweiten Weltkrieges. Geschlagene sechs Stunden lang – eine kurze Pause eingerechnet – wird vor allem über unerfreuliche historische Tatsachen geredet: über Pogrome, die Judenvernichtung, über die amerikanischen Soldaten im befreiten Italien, über Kinderprostitution im besetzten Neapel, Trotzkismus, Heinrich Himmler und, im Stadium fortgeschrittener Erschöpfung, auch noch über Mao Tse-Tung. Meist findet der Diskurs in einem an Seilen schaukelnden Container statt, wird aber virtuos als Live-Spielfilm auf eine große LED-Wand über der Drehbühne übertragen. (Leider ist das strahlend helle Bild stark verpixelt, das ist so anstrengend für die Augen als schaue man sich einen sechstündigen Spielfilm auf einem winzigen Fernseher an.) Unter dem Container hat der Bühnenbildner Bert Neumann ein flaches Plantschbecken in die Drehbühne eingelassen, das für ein ein wenig Erfrischung und szenische Abwechslung sorgt, vor allem gegen Ende des überlangen Abends. Er imponiert vor allem durch das Stehvermögen und Nicht-Aufhören-Wollen der Schauspieler: allen voran Jeanne Balibar, die zunächst als Kriegsberichterstatter Malaparte mit angemaltem Bärtchen in einer Uniform steckt, später ihre Weiblichkeit in schönen Kleidern, Schlüpfer und Höschen zeigen darf. So ist es mit den anderen Figuren auch, der anfängliche Schutz durch klar umrissene Rollen löst sich auf, zuletzt sieht man die Schauspieler fast nur noch als plantschende, begehrende, leidende, das Spielen und Geschichtenerzählen nicht sein lassende Kreaturen – in einem düsteren, grauenerregenden Mahlstrom der Geschichte. Ein schwerer, unverdaulicher Brocken, den Castorf auf die Bühne wälzt, ein starkes (in der Tendenz indes erwartbares) Statement gegen den populistischen Geschichtsoptimismus rund um das Mauerfalljubiläum. Wer sich dem aussetzt, sollte gut ausgeschlafen in die Volksbühne gehen oder sicherheitshalber ein Kopfkissen für ein Nickerchen zwischendurch mitnehmen.

„Kaputt“ nach Malaparte, Premiere am 10. November 2014 in der Volksbühne. Regie: Frank Castorf. Mit Jeanne Balibar, Georg Friedrich, Horst Günter Marx, Britta Hammelstein, Patrick Güldenberg, Mex Schlüpfer, Axel Wandtke, Margarita Breitkreiz, Bärbel Bolle, Harald Warmbrunn, Frank Büttner. Zum Spielplan der Volksbühne

Montag, 3. November 2014

Wer berlinert, gilt als weniger intelligent

Die Berliner »berlinern« am liebsten, wenn sie in der Mitte des Lebens stehen. Über 70 % der 45‐ bis 59‐Jährigen bekennen sich dazu. Mehr als die Hälfte aller Befragten finden ihren Dialekt »schlagfertig« und »frech«. Dies sind Ergebnisse aus einer repräsentativen Forsa‐Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). 1001 Berlinerinnen und Berliner waren im September zu dem Thema »Der Berliner Dialekt in der Einschätzung der Bürger der Stadt« befragt worden. Es ging dabei um ihre Einschätzungen zum Berliner Dialekt, zu Berliner Ausdrücken und zu DDR‐spezifischen Ausdrücken. Die letzte Untersuchung zum Berliner Dialekt war im Jahr 1983 durchgeführt worden. Bei den Jüngeren ist ihr Dialekt weniger angesagt. Nur knapp über die Hälfte der 15‐ bis 29‐Jährigen bekennen, dass sie »hin und wieder berlinern«. Darüber, ob der Berliner Dialekt heute mehr oder weniger akzeptiert wird, spaltet sich das Meinungsbild. Die Akzeptanz habe eher abgenommen, meinten über ein Drittel (35 %) der Befragten. Ein Viertel (24 %) äußerte sich gegenteilig. Einige Qualitäten des Berliner Dialekts haben sich in den letzten dreißig Jahren gründlich verschoben: Während 1983 »intelligent« noch auf Platz 3 stand, steht das Wort heute auf Platz 9: Mehr als die Hälfte der Befragten finden ihren Dialekt heute »überhaupt nicht« oder »eher nicht« intelligent. »Schlagfertig« ist 2014 der absolute Spitzenreiter (1983 noch auf Platz 7), während »frech« (1983: Platz 1, 2014: Platz 2) eine Konstante des Berliner Dialekts zu sein scheint. Die Untersuchung erstreckte sich auch auf Wörter und Ausdrücke, die den Berliner Dialekt prägen. »Doofkopp«, »Göre« und »schnieke« sind in Ost und West gleichermaßen geläufig geblieben. Aber manches Wort aus dem Osten der Stadt ist dem Westen bis jetzt noch fremd: »urst« (= super, irre, klasse usw.) kommt den Befragten in Zehlendorf und anderen Westbezirken nur schwer über die Lippen. (Quelle: Gesellschaft für deutsche Sprache, Pressemitteilung)

Die Studie der GfdS wird am 12. November im Rahmen eines Vortragsabends zum Thema »Sprachliches in Ost und West 25 Jahre nach dem Mauerfall« in Berlin vorgestellt. Die Veran‐ staltung findet um 17.30 Uhr an der Humboldt‐Universität zu Berlin statt, Philosophische Fakultät II, Dorotheenstraße 24, Raum 3.246 (Universitätsgebäude am Hegelplatz).

Zur Studie (PDF)

Tugendhelden, Mannsbilder - Cranachs Helden in der Gemäldegalerie

Quelle: http://www.smb-digital.de
Von Elke Linda Buchholz. Erschreckend brutal: Mit grässlich verrenkten Körpergliedern hängt der Verbrecher am Kreuz. Die Hände ballen sich zu Fäusten, die Muskeln kämpfen gegen die Fesseln. Ein Aufständischer gegen den Tod ist hier zu sehen, von Lucas Cranach dem Älteren in raschen, heftigen Strichen in weißer und schwarzer Kreide ans Kreuz geheftet. Aber ist er ein Held? Eher wie langhaariger Anti-Held wirkt dieser reuige Schächer. Das handgezeichnete kleine Blatt hängt als besondere Kostbarkeit in der Schau "Cranachs Helden", mit der das Kupferstichkabinett in einem Raum der Gemäldegalerie schon mal dem große Cranachjahr 2015 vorwegsegelt. Denn dann wird der 500. Geburtstag des jüngeren Cranach in zahlreichen Ausstellungen von Weimar bis Nürnberg gewürdigt. In Berlin können auch Kinder jetzt bereits die Malerdynastie Cranach kennenlernen. An sie wendet sich eine eigene, aufwendig medial bestückte Mitmachausstellung in der Gemäldegalerie. Die Schau für Erwachsene versteckt sich im stillen Kabinett und verlangt einen intensiveren Blick auf die teils kaum postkartengroßen Arbeiten.
Auf ultramarinblauem Grund, miniaturhaft, aber in selbstbewusster Körperfülle und ganzer Figur stehen die VIPs der Renaissance da: Martin Luther und seine Mitstreiter in Sachen Reformation, die Theologen Johannes Bugenhagen und Justus Jonas. Lucas Cranach der Jüngere zeichnete sie auf teurem Pergament ins eigene Familienstammbuch. Die Künstlerfamilie verkehrte mit den Geistesgrößen in Wittenberg auf freundschaftlichem Fuß. Und die Cranachwerkstatt war es auch, die das Publikum mit den begehrten Porträts der Reformationshelden versorgte. In erschwinglichen Auflagenwerken kamen sie als Kupferstich oder Holzschnitt auf den Markt.

Gleich viermal begegnet man Luther selbst. Sein erstes Porträt überhaupt zeigt ihn 1520 noch als Mönch mit Tonsur, dann posiert er als würdiger Profilkopf wie auf antiken Münzbildnissen und schließlich 1522 inkognito als "Junker Jörg" in Adelskluft und Rauschebart, so wie er auf der Wartburg Unterschlupf fand.
Der umtriebige Cranach-Betrieb fungierte wie ein Medienzentrum der Reformation. Fast 1000 Lutherbildnisse entstanden hier. Die Druckerpresse versorgte gebildete Bürger aber auch mit weiteren Vorbildern für ein tugendhaftes Leben. So mutig sein wie der römische Soldat Marcus Curtius, so bärenstark wie der biblische Samson, so glaubenstreu wie die Heilige Margarete, das waren die Rollenmodelle vor 500 Jahren. In oft modischer Frisur und ansprechender Körperlichkeit stellen die Cranachgrafiken sie vor. Vollkommen nackt zeigt sich die schöne Lucrezia auf einer raren Handskizze, die das Motiv erprobt. Die antike Heroine erwies sich als Verkaufsschlager der Cranachs. Eine besonders zierliche Variante in Öl hängt ein paar Schritte weiter in der ständigen Sammlung der Gemäldegalerie: mehr sinnliche Verlockung als Tugendmodell.

Diese Ausstellung läuft noch bis 16. November 2014Weitere Informationen
Die Kinderausstellung "Pop Up Cranach" ist bis 12. April 2015 zu sehen. Mehr

Freitag, 31. Oktober 2014

Das gebügelte New York - Lesung am 6. November 2014

In den "Brandenburger Blättern", der Feuilletonbeilage der Märkischen Oderzeitung (MOZ), stellt Uwe Stiehler die Neuedition von Henry F. Urbans "Die Entdeckung Berlins" vor und erzählt, wie es dazu kam. Zum Artikel

Die vorerst letzte Lesung von Michael Bienert aus dem Buch findet am kommenden Donnerstag, dem 6. November 2014 im Café Tasso, Frankfurter Allee 11, statt. Eintritt frei, Spenden erwünscht.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Kästners Berlin - im Druck

Unser neues Buch ist heute wie geplant in die Druckerei gegangen und wir verabschieden uns mit den Kindern in die verdienten Herbstferien!

Michael Bienert
Kästners Berlin. Literarische Schauplätze
160 Seiten, ca. 200 Abbildungen
Hardcover mit Schutzumschlag
Format: 21,0 x 22,5 cm
ISBN: 978-3-945256-00-8
€ 24,99

Freitag, 17. Oktober 2014

Neuer CIEE-Bildungscampus in Kreuzberg

Und wo geht es hier zum Richtfest?
In einem alten Fabrikgebäude in der Kreuzberger Gneisenaustraße 27 entsteht ein neuer Bildungscampus mit Unterkünften, Seminar- und Veranstaltungsräumen für 200 Studenten. Träger des Projekts ist das CIEE Global Institute, die größte Organisation für den internationalen Studentenaustausch in den USA. Heute war Richtfest, ab August 2015 werden amerikanische, aber auch deutsche Studenten in dem neuen Haus wohnen und lernen. Die Investition in den Standort Berlin durch die Organisation, die jährlich rund 50.000 Studenten den Aufenthalt in über 40 Ländern ermöglicht, ist auch eine Auszeichung für die Bundeshauptstadt: Das kulturelle Angebot, der Forschungsstandort und das Flair von Berlin haben die Verantwortlichen überzeugt. Direktor des Berliner Instituts ist der Literatur- und Kulturwissenschaftler Cary Nathenson, mit dem wir seit über 20 Jahren freundschaftlich verbunden sind und der uns bei dem letzten Buchprojekt Die Entdeckung Berlins von Chicago aus wunderbar unterstützt hat. Herzlichen Glückwunsch zu der tollen neuen Aufgabe, Cary!

Cary Nathenson begrüßt die Gäste.

Think big! Die Baustelle. Fotos: Bienert

Montag, 6. Oktober 2014

Eine neue Gedenktafel für Paul Hertz

Paul Hertz, sein Enkel Henry Berg und Grundschulkinder in der
Paul Hertz-Siedlung. Foto: Tina Merkau/Gewobag
Henry Berg ist ein amerikanischer Architekt und Enkel des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Paul Hertz, der von den Nazis ins Exil getrieben wurde, aber schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg nach West-Berlin zurückkehrte, um den Wiederaufbau Berlins als Finanzsenator zu unterstützen. In der nach ihm benannten Paul-Hertz-Siedlung in Charlottenburg hat Mr. Berg heute eine neue Gedenktafel für seinen Großvater eingeweiht. Außerdem hat er Schülern aus seinem Leben erzählt - er selbst lebte als Kind einige Zeit bei den Großeltern in Berlin. Wir hatten das Vergnügen, am Samstag mit Henry Berg spazierenzugehen und ihm die sanierte Reichsforschungssiedlung in Haselhorst zu zeigen.

Volker Wieprecht und der Südwesten Berlins

Von Michael Bienert - Vor eineinhalb Jahren saß Volker bei uns im Garten hinter dem Haus, weil er die Idee hatte, mich für sein neues Buch zu porträtieren. Wir kennen uns ziemlich lange, seit 1977, saßen in derselben Klasse an der Schiller-Oberschule in Charlottenburg und besuchten denselben Deutsch-Leistungkurs. Ich bewunderte Volker schon damals für seine rasche Auffassungsgabe, seine Schlagfertigkeit, seinen Sprachwitz, seine körperliche und geistige Beweglichkeit, seinen Erfolg bei Mädchen: Eigenschaften, mit denen er sich zu einem beliebten, prominenten und mit Preisen dekorierten Radiomoderator hocharbeitete. Bei den Lehrern machte er sich damit nicht nur beliebt, manche Mitschüler fürchteten sich vor ihm. In Volkers Buch Zwischen Kreisel und Kleistpark kann man nun nachlesen, wie ich (pflegeleichter Liebling der Lehrer!) in sein Leben trat und einen leider immer noch nicht restlos überwundenen Minderwertigkeitskomplex auslöste. Nach unserer Gartenkonferenz über sein Buchprojekt notierte er: "Es ist wie damals in dem roten Klinkerhaus in der Kreuznacher, in dem Michael mit seinen Eltern wohnte. Er macht die ernsten Themen, ich ziehe der Berolina ein Tutu an, weil mich das Reale schnell langweit und das Mögliche sehr schnell reizt."

Der Berolina ein Tutu anzuziehen, das muss man erstmal können. Und Volker macht das sehr gewitzt, gewohnt selbstironisch und spitzzüngig, aber keineswegs oberflächlich. Die Frage treibt ihn, warum wichtige Dinge in seinem Leben - die erste große Liebe, die Gründung der ersten Firma, der Selbstmord des besten Freundes - sich immer wieder in der nicht gerade hippen Gegend entlang der ehemaligen Reichsstraße 1 zwischen Steglitz und Schöneberg ereignet haben. Er schaut in die Geschichtsbücher, er nervt Behörden mit Presseanfragen zur Verkehrsführung auf der Hauptstraße und den Baufortschritten beim Steglitzer Kreisel, er befragt Denkmalschutzexperten, vor allem aber erzählt er sehr flott von seinen skurrilen Erlebnissen in längst geschlossenen Diskotheken, Meditationsräumen und dem Büroalltag in den Goerz-Höfen oder der ehemaligen Schöneberger Irrenanstalt. Viele kleine Episoden, die den Jungen aus Herne, der - wie ich - durch einen Umzug der Mutter nach Berlin umgetopft wurde, zu einem "offiziell anerkannten Kryptoberliner" und "Teil des hiesigen Inventars" machen, außerdem zum bekennenden Buddhisten.

Selbstverständlich bin ich nicht in der Lage, dieses Buch, zu dem ich wenig beigetragen habe und in dem ich übermäßig Platz einnehme, unvoreingenommen zu beurteilen. Was mich am meisten geärgert hat, dafür ist Volker nicht verantwortlich: Ich meine das pfiffig gedachte, aber lausig gemachte Design der Reihe "Berliner Orte", in der sein Buch erschienen ist. Autoren, die sich so viel Mühe geben, haben es verdient, dass ihr Text ein hübscheres Tutu bekommt.

Volker Wieprecht
Zwischen Kreisel und Kleistpark 
Berliner Orte
be.bra Verlag 2014, 144 S., 9,95 €

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Im Breker-Atelier entsteht das "Kunsthaus Dahlem"

Als Staatsatelier wurde für den Bildhauer Arno Breker in der NS-Zeit ein gewaltiges Domizil am Rande des Grunewalds gebaut. Später arbeiteten darin Künstler wie Bernhard Heiliger und Wolf Vostell. Jetzt soll dort das neue Kunsthaus Dahlem entstehen - als Museum für Skulpturen der Nachkriegsmoderne. 

Elke Linda Buchholz war bei der Baustellenbesichtigung, hat fotografiert und für den TAGESSPIEGEL berichtet. 
Zum Artikel




Freitag, 26. September 2014

Thomas Mann und die Bildende Kunst in Lübeck

Hier gehts zur Kunst: Thomas Mann ganz in Rosa
im Lübecker Buddenbrookhaus - Foto: Bienert
Von Michael Bienert - Die Bildende Kunst spielte in Thomas Manns Leben und für sein Werk eher eine Nebenrolle. Er hat das selbst so gesehen, sich keineswegs für einen großen Kunstkenner ausgegeben, und diese nüchterne Selbsteinschätzung wird auch nicht durch die große Ausstellung revidiert, mit der seine Heimatstadt Lübeck derzeit um Aufmerksamkeit wirbt. Dennoch ist es oft erhellend, ein prächtig möbliertes Haus durch einen Neben-, statt den Haupteingang zu betreten. Größe und Grenzen der Schriftstellers Thomas Mann werden auch in seinem Verhältnis zur Malerei, Plastik und Fotografie sichtbar.

Visuelle Eindrücke konnten einen kreativen Schub auslösen, so wie 1922 der Besuch einer Ausstellung, in der Thomas Mann den Bildzyklus „Joseph in Ägyptenland“ von Hermann Ebers – eines Jugendfreundes seiner Frau – sah. Das war die Initialzündung für das große Erzählprojekt „Joseph und seine Brüder“. Im Gegenzug erhielt der Künstler Hermann Ebers 1925 den Auftrag, die Novelle „Unordnung und frühes Leid“ zu illustrieren. Doch seine Lithografien wurden nicht gedruckt. In ihnen sei „das Element des Harmlosen und Bürgerlichen auf Kosten und zu ungunsten des Schlimmen und Unbürgerlichen in irreführender, stilistisch fehlerhafter Weise überbetont“, teilte der Autor dem befreundeten Künstler mit. Wohl auch auf Druck des Verlags, wo die rein illustrativen und etwas biedermeierlichen Familienszenen auf wenig Gegenliebe stießen. Sie sind in der Ausstellung zu sehen. Es war dann Aufgabe des geschmackssicheren Illustrators Karl Walser, die Umschläge für die Novelle und für die Josephsromane zu zeichnen.

Mittwoch, 17. September 2014

Schatzkammer der Buchkunst - Staatsbibliothek stellt wertvolle islamische Handschriften online

Miniatur aus einem persischen Gedichtband,
Schiraz, 16. Jh., Foto: Staatsbibliothek PK
Etwa 17.000 Handschriften in arabischer, persischer und türkischer Sprache werden in der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrt, das ist die umfangreichste Sammlung dieser Art in Deutschland. Darunter sind 310 Handschriften mit 8.000 Miniaturen, die zahlreiche Stile und Epochen der östlichen islamischen Welt vom 14. bis zum 19. Jahrhundert repräsentieren. Neben der Kalligraphie und der ornamentalen Gestaltung nahm und nimmt die Buchillustration in der islamischen Kunst eine zentrale Stellung ein.
In der Digitalen Bibliothek der Staatsbibliothek sind jetzt bis auf die Ebene der 8.000 einzelnen Miniaturen, Zeichnungen und Illuminationen diese 310 Handschriften vollständig erschlossen. Besonderer Wert wurde auf die tiefe Erschließung mit umfangreichen Informationen gelegt, sodass die Handschriften bzw. die darin enthaltenen Miniaturen für jedes Interessensniveau – für den Betrachter der Schönheit ebenso wie für den Islam- oder Kunstwissenschaftler – aufbereitet sind.
Um auch die Miniaturen einzeln erfassen und beschreiben zu können, wurde für die Handschriftendatenbank www.orient-digital.de das zusätzliche Modul „Buchkunst“ entwickelt, dort kann nach verschiedenen Facetten gesucht werden, s. http://tinyurl.com/m4gadm3. Mit den detaillierten Beschreibungen der Miniaturen und dem direkten Zugang zu den digitalen Bildern gehört diese Sammlung der illustrierten islamischen Handschriften zu den weltweit am besten erschlossenen.

Montag, 15. September 2014

Facelifting - die Amerika-Gedenkbibliothek wird 60

Die Amerika-Gedenkbibliothek wird 60 - und hat in den vergangenen zehn Monaten in den Besucherbereichen ein frischeres Innendesign verpasst bekommen. Das Foto zeigt den zur schicken Leselounge umfunktionierten Musiklesesaal. Nachdem sich die Pläne des Senats für einen Neubau der Zentral- und Landesbibliothek auf dem Tempelhofes Feld zerschlagen haben, ist wieder ein massive Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek im Gespräch. Erst einmal wurden nun die Öffnungszeiten um eine Stunde - abends bis 21 Uhr - verlängert. Geburtstag und Auffrischung der Amerika-Gedenkbibliothek werden am kommenden Samstag, dem 10. September 2014, ab 16 Uhr gefeiert. Zum Programm

Freitag, 5. September 2014

Der Roman Ullstein - Stefan Großmanns Buch "Wir können warten" erscheint nach achtzig Jahren

Vor gut zehn Jahren erschien im Ullstein-Verlag der "Ullsteinroman" des Schriftstellers und studierten Historikers Sten Nadolny: Er schildert den Aufstieg der jüdischen Verlegerfamilie bis zur Gleichschaltung und Übernahme ihres Konzerns durch die Nationalsozialisten. Der Name Stefan Großmann kommt in diesem dicken Buch ein einziges Mal vor. Der 1875 in Wien geborene Journalist, Romancier und Dramatiker arbeitete seit 1913 für die von Ullstein übernommene Vossische Zeitung, war vorübergehend deren Feuilletonchef und nach dem Ersten Weltkrieg Mitbegründer der linksliberalen Zeitschrift Tage-Buch. Großmann, ein gefürchteter Journalist und Kritiker des Medienbetriebs, hinterließ bei seinem Tod im Jahr 1935 einen unvollendeten Ullsteinroman, dessen Manuskript in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien aufbewahrt wird.

Im Zentrum steht hier der "Bruderkrieg" zwischen den fünf Söhnen des Verlagsgründers Hermann Ullstein in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Sie teilten sich die Leitung des Unternehmens. Die Rivalität der Brüder und ihrer Söhne eskalierte, als Franz Ullstein sich in die Journalistin Rosie Gräfenberg verliebte und diese Einfluss auf die Verlagspolitik gewann. Falschmeldungen über ein zweifelhaftes Vorleben der jungen Frau wurden über die Medien lanciert. Für zusätzlichen Zoff sorgten unterschiedliche Meinungen in der Unternehmensleitung, wie der größte deutsche Medienkonzern auf die Wirtschaftskrise und den Rechtsruck in der deutschen Politik ab 1929 reagieren sollte. Schon vor der Machtübernahme der Nazis wurde allzu radikalen Redakteuren gekündigt, passte sich das Unternehmen der politischen Großwetterlage an, in der Hoffnung, Inserenten und Leser zu halten. Das Ideal der jüdischen Verlegerfamilie sei nunmehr ein "Völkischer Bobachter mit Genehmigung des Rabbinats", giftete Carl von Ossietzky im Januar 1932 in der Weltbühne.

Donnerstag, 4. September 2014

Mit Bausenator Michael Müller auf Sommertour

Michael Müller im Lernprozess
Foto: Bienert
Bausenator Michael Müller, seit ein paar Tagen SPD-Mitbewerber um den Posten des Regierenden Bürgermeisters, gibt sich entspannt auf der Sommertour zu Modernisierungsprojekten der städtischen Wohnungsgesellschaften, zu der seine Senatsverwaltung eingeladen hat. Müller wirft sich nicht in die Brust, sondern lässt nüchtern Zahlen sprechen: 671 Millionen Euro investieren die sechs landeseigenen Unternehmen in diesem Jahr, davon fließen 527 Millionen in die Sanierung des Bestands. 2010 waren es nur 431 Millionen. Noch signifikanter ist die Veränderung bei den Neubauinvestitionen: Vor zehn Jahren war die Neubautätigkeit der kommunalen Gesellschaften bei Null angekommen (genau: 1,2 Millionen Euro), dieses Jahr sind es 145 Millionen. Der Senat drängt darauf, dass preiswerte und attraktive Wohnungen auf den Markt kommen, um den allgemeinen Preisauftrieb bei den Mieten zu bremsen.
Sanierte Fassade des Wohnpalastes
an der Ostseestraße
Foto: Bienert
Im Besitz der landeseigenen Wohnungsgesellschaften befinden sich Mietskasernen aus dem 19. Jahrhundert, Reformwohnungsbauten, Siedlungen der Weimarer Republik, sozialistische Wohnpaläste und Plattenbauten, so ziemlich alles, was an Wohnungsbau vorstellbar ist. Entsprechend unterschiedlich sind die Vorgehensweisen bei der Sanierung. Müllers Exkursion führte von einer typischen Westberliner Siedlung der 1950er Jahre, der "Schillerhöhe" im Wedding, zu einem sozialistischen Wohnpalast für Arbeiter am Ostseeplatz. Der "Mandelblock", früher auch "Henselmannblock" genannt, aber wohl doch nicht vom damaligen Chefarchitekten von Ostberlin Hermann Henkelmann entworfen, könnte so ähnlich auch an der ehemaligen Stalinallee hingestellt  worden sein. Die Gewobag poliert den alten Glanz des Gebäudes, dessen Bauzustand an die DDR zur Zeit ihres Untergangs erinnert, in Abstimmung mit der Denkmalpflege sorgfältig wieder auf. Auch auf dieser Baustelle tritt der Senator nicht als präpotenter Macher auf, sondern lässt sich vom Bauleiter alles geduldig erklären, obwohl er bestimmt schon einen anderen Termin im Nacken sitzen hat. Mögen Müllers Mitbewerber ums Amt des Berliner Regierungschefs vor Ehrgeiz sprühen, ihr Konkurrent scheint in sich zu ruhen, spielt sich nicht auf, bleibt professionell. Möglicherweise war  die sonnige Sommertour wieder ein kleiner Schritt zum großen Ziel.

Mittwoch, 13. August 2014

Die Museumswohnung in der Reichsforschungssiedlung Haselhorst

Zum Tag des offenen Denkmals wird erstmals die Museumswohnung in der 1930-1935 errichteten Reichsforschungssiedlung Haselhorst zu besichtigen sein, außerdem finden am 13. September Führungen im Haus und der Umgebung mit Michael Bienert statt.
Wir haben die Einrichtung der Wohnung seit über einem Jahr beratend begleitet und einen Kurzführer verfasst, der demnächst als Leporello gedruckt vorliegt. Eine umfangreiche Dokumentation ist Arbeit.
Die Kleinstwohnung wurde sorgfältig im Stil der Bauzeit eingerichtet, mit historischem Badeofen, Kurzbadewanne und Kochmaschine, und vermittelt einen atmosphärisch dichten Eindruck von der damaligen Wohnkultur. Hier finden Sie mehr Infos und Öffnungszeiten.

Foto: Sabine Dobre / Gewobag

Samstag, 9. August 2014

Stadtführer im Trainingslager

Damit dem literarischen Stadtführer im Berliner Fachland nicht die Puste ausgeht, ist er von seinem familiären Trainerteam in diesem Sommer die Berge rund um das Kleinwalsertal hinaufgescheucht worden, bis oben aufs Gottesacker-Plateau. (Foto: Leon Buchholz)

Mittwoch, 6. August 2014

Saufen & Schreiben in Friedenau

Manuskriptseite aus Max Frischs Berliner Journal
Es ist nicht alles Gold, was im Safe liegt. Die Pappschachtel mit dem Berliner Journal wollte Max Frisch erst 20 Jahre nach seinem Tod geöffnet wissen. Entsprechend groß die Neugier: Was hatte er in den Aufzeichnungen aus den Jahren 1973 bis 1980 zu verbergen? Es ist die Lebensphase, in der Frischs zweite Ehe zerbricht. Davon handelt ein Teil der Dokumente, doch ins Schlafzimmer erlaubt die Edition der Nachlassverwalter keinen Blick – aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen. Sie setzt mit dem Februar 1973 ein, als Frisch eine Wohnung im Berliner Stadtteil Friedenau bezieht, mit Hilfe von Uwe Johnson, der dort ebenso um die Ecke wohnt wie Grass und Enzensberger. Die Buchausgabe schließt mit dem Sockenkauf vor der Abreise in die USA im Frühjahr 1974, wo Frisch eine Affäre mit einer weit jüngeren Frau hatte; was dazu führte, dass das Schreibprojekt Berliner Tagebuch unabgeschlossen blieb und das Buch Montauk entstand. Also handelt es sich beim Berliner Journal um ein unvollendetes Werkmanuskript in der Nachfolge der zu Lebzeiten Frischs publizierten Tagebücher. Beim Schreiben seiner Friedenauer Prostückli schielte der Autor bereits in Richtung Leser, das macht ihre Stärke und Schwäche aus. Sie wirken leichthändig, nah am Alltag des alternden Schriftstellers, und sind doch disziplinierte, kunstvolle Prosa. Was Frisch über die Literaturszene im geteilten Berlin berichtet, ist weder entlarvend, noch verletzend. Kaum überraschend, dass er als Schriftsteller über Sechzig mit Gedächtnislücken kämpft und nicht mehr so feurig-sinnlich auf die Schreibmaschine einhämmert früher. Und dass Günter Grass mit seinem politischen Eifer den Nachbarn auf die Nerven geht: „Ich treffe kaum jemand, der mit Sympathie von ihm spricht, das Freundlichste ist Bedauern.“ Max Frisch verkonsumiert bedenklich viele Weinflaschen mit Uwe Johnson, er trifft Christa und Gerhard Wolf, besucht den Dissidenten Wolf Biermann und verhandelt mit DDR-Literaturfunktionären in Ost–Berlin. Wie wach, neugierig, vorurteilsfrei der Erfolgsautor aus dem Westen ihnen begegnet, ist durchaus erhellend. Aber erst die vorbildliche Kommentierung der Blätter durch Thomas Strässle macht das Buch zu einem wirklich inhaltsreichen Zeitdokument der jüngeren Literaturgeschichte.

Max Frisch
Aus dem Berliner Journal
Herausgegeben von Thomas Strähle
Suhrkamp Verlag, 240 Seiten, 20 Euro 
ISBN: 978-3-518-42352-3

Uwe Johnsons "Versuch eine Heimat zu finden"

Stierstraße 22, Ecke Hauptstraße:
Hier traf sich Uwe Johnson mit Günter Grass.
Foto: Michael Bienert, Sommer 2014
Noch bis kommenden Freitag widmet sich die Uwe-Johnson-Woche des Literaturforums im Brecht-Haus dem Werk und Leben des vor 80 Jahren geborenen und vor 30 Jahren früh verstorbenen Schriftstellers. Das Interesse ist überraschend groß: Zur Auftaktveranstaltung am vergangenen Sonntag, einem literarischen Spaziergang in Friedenau, wo Johnson von 1959 bis 1974 wohnte, wollten sich etwa 100 Interessenten anmelden - deshalb bieten wir am kommenden Wochenende zwei Zusatztermine an, die auch schon restlos ausgebucht sind.
Um auf dem laufenden zu sein, hat Michael Bienert neben dem im Frühjahr erschienenen Berliner Journal von Max Frisch auch Frauke Meyer-Gosaus neues Buch Versuch eine Heimat zu finden. Eine Reise zu Uwe Johnson konsultiert. Die Autorin hatte Schwierigkeiten, Gesprächspartner für ihr geplantes Buch über Johnson zu finden, denn dieser quer- und starrköpfige Charakter schaffte es mit den Jahren, sich mit fast allen nahen Freunden zu zerstreiten. Also ist sie zu den Lebenstätten Johnsons gereist, ins polnische Darzowice, das noch Darsewitz hieß, als der Autor dort zur Welt kam, durch Mecklenburg und nach Leipzig, hat Friedenau durchwandert, war in New York und auf der abgelegenen Themse-Insel Sheppey, der letzten Station von Johnson Lebensreise. Viele dieser Orte sind seinen Lesern aus dem großen Jahrestage-Roman vertraut. Dem Autor war es nicht gleichgültig, wo und worüber er schrieb: "Alle positiven Empfindungen des pommerschen Sturschädels ... waren auf die Landschaft versammelt, in der das für den Erwachsenen unerreichbar gewordene Kindheits-Land lag. All sein Schreiben kann gelesen werden als ein immer dringlicheres Wiederheraufrufen eines verlorenen Seins-Zustands (mit allem, was in dieser Landschaft immer auch dazu gehört hatte: Gewalt, Brutalität, Terror, Krieg...). All seine Suche im realen Leben richtete sich darauf, für das Verlorene einen Ersatz zu finden, um nach dem ersten, alle weiteren Wahrnehmungen prägenden Verlust vielleicht doch noch irgendwo anwachsen, sich mit der konkreten Lebensumgebung auch emotional wieder verbinden zu können - in Landschaften an Flüssen, Seen und am Meer." Und wirklich erweist sich das Reisen als probates Mittel, diesem spröden, sperrigen Prosaisten näher zu kommen, das Reisebuch als perfekt geeignete Form für eine Einführung und einen Überblick über Leben und Werk. Frauke Meyer-Gosau hat genau und gründlich recherchiert, ohne damit zu prahlen. Ihr Reisebericht verwebt angenehm lesbar Gegenwart und Vergangenheit, Beschreibung und Reflexion - wir wissen, wieviel Arbeit dahinter steckt, bis dergleichen einigermaßen mühelos aussieht. Und obwohl wir seit vielen Jahren literarische Stadtführungen in Friedenau anbieten, haben wir noch Neues durch dieses Buch entdeckt, wie die Kneipe "Zur Kogge", in der Uwe Johnson mit Günter Grass gerne einen heben ging.

Frauke Meyer-Gosau
Versuch, eine Heimat zu finden 
Eine Reise zu Uwe Johnson
Verlag C. H. Beck 2014. 
296 Seiten mit 22 Abbildungen, 22,95 Euro
ISBN 978-3-406-65958-4

Telefonieren wie in den Dreißigern

Auf dem Dorfanger von Alt-Lübars, nahe der alten Dorfkirche, steht diese historische Telefonzelle aus dem Jahr 1934/35 und ist immer noch in Betrieb. Das erste Modell dieses Typs wurde 1928 auf dem Reichskanzlerplatz in Berlin erprobt (heute Theodor-Heuss-Platz). In der Nazizeit wurde die neusachliche Beschriftung "Fernsprecher" auf Frakturbuchstaben umgestellt.

Montag, 7. Juli 2014

Walter Triers Bilderbuch-Karriere

15 Jahre hat die Kunsthistorikerin Antje Neuner-Warthorst recherchiert, um dem Zeichner Walter Trier Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das berühmteste Cover der neueren deutschen Literaturgeschichte stammt von ihm und hat enorm zum Erfolg von Emil und die Detektive beigetragen - leider aber auch das übrige Schaffen seines Schöpfers überstrahlt. Als 1929 die Zusammenarbeit mit Erich Kästner begann, war Trier bereits ein Star unter den Pressezeichnern im Berlin der Weimarer Republik. Er arbeitete auch als Werbegrafiker und entwarf Ausstattungen für Kabarette- und Revueaufführungen. 1936 emigrierte Trier nach London, wo er antinazistische Karikaturen zeichnete, und später nach Kanada, wo er 1951 starb.
In ihrem Nachwort berichtet die Autorin, dass mehrere kunsthistorische Institute es abgelehnt hätten, eine Habilitationsschrift über den nicht nur vielseitigen, sondern auch ganz eigenständigen und unverwechselbaren Gebrauchskünstler anzunehmen, da es dem Thema an akademischer Seriosität fehle! Ihr Buch zerstreut dieses dumme Vorurteil. Seriös recherchiert, aber leichthändig geschrieben und angenehm lesbar, ist es ein substantieller  Forschungsbeitrag zur Kulturgeschichte der Weimarer Republik und zur Geschichte der Karikatur in Deutschland. Solche Bücher empfehlen wir gern weiter.

Antje Neuner-Warthorst
Walter Trier. Eine Bilderbuch-Karriere
Nicolai Verlag, Berlin 2014
304 Seiten 
29,95 Euro

Die Autorin im Hörfunkinterview:
http://www.wdr5.de/sendungen/neugiergenuegt/sendeterminseiten/achtundzwanzigsterjanuar100.html

Freitag, 4. Juli 2014

100 beste Plakate

Von Elke Linda Buchholz - Superman fällt aus dem Bild. Auf der hellblauen Fläche ist der abstürzende Comic-Held ganz unten zu sehen. Ein Eyecatcher! Sonst ist nichts drauf auf dem Plakat von Vincenzo Fagnani. Keine Schrift, kein Logo. Wofür es wirbt? Für sich selbst, den Gestalter, der es im Eigenauftrag kreierte. Ist das noch ein Plakat oder schon freie Kunst? Die Fachjury um die Designerin Verena Panholzer steckte auch bei der diesjährigen Ausgabe der „100 besten Plakate“ wieder mitten in der Debatte. Was ein künstlerisch gestaltetes Plakat ist, wo die Grenzen des Mediums liegen und nach welchen Kriterien die eingereichten Kreationen zu bewerten sind, muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Weiterlesen im Tagesspiegel

Freitag, 27. Juni 2014

Spitzentechnologie und Massenproduktion - Neue Dauerausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte

Schädel aus Rudolfs Virchows
Sammlung im Roten Saal
des Neuen Museums.
Foto: Bienert
Von Michael Bienert - Warum die Männer einander die Schädel eingeschlagen haben, wissen die Archäologen nicht. Tausende müssen es gewesen sein, die vor etwa 3300 Jahren ungefähr 150 Kilometer nördlich von Berlin mit Keulen, Pfeil und Bogen aufeinander losgingen. Das Schlachtfeld wurde erst 1996 entdeckt, als ein Schlauchbootfahrer auf dem Flüsschen Tollense in Mecklenburg-Vorpommern einen menschlichen Oberarmknochen fand, in dem eine Pfeilspitze aus Feuerstein steckte. Seit ein paar Jahren suchen Wissenschaftler die Flussniederung systematisch ab. Überreste von mehr als hundert Opfern des Gemetzels, wurden schon geborgen. Erst im vergangenen Jahr legten Archäologen eine dicht mit Knochen und Schädeln dicht gespickte Bodenschicht frei, die nun als großes Wandrelief im Neuen Museum ausgestellt ist. Mit moderner Technik wurde die Grabungsstelle gescannt, die Daten in einen 3-D-Drucker eingefüttert. So beamt die Neupräsentation der Vor- und Frühgeschichte im Neuen Museums das Publikum nicht nur zurück in die älteste Menschheitsgeschichte, sondern gibt sich zugleich topaktuell. Weiterlesen im Tagesspiegel

Freitag, 20. Juni 2014

Stadt hinter Glas

Copyright: Simone Fischer
"Nebel, Dunst, Sonne, Regen und Dämmerung, das sind die Mächte, die im unendlichen Wechsel die großen Steinnester mit immer neuem Formenglanz umkleiden, ihre Formen verschmelzen, sie geschlossener, ja monumental machen; die aus den ärmlichsten Haufen, den trostlosesten Gegenden eine Welt farbiger Wunder aufbauen", schrieb August Endell vor dem Ersten Weltkrieg über "Die Schönheit der großen Stadt". Der Fotografin und Buchgestalterin Simone Fischer genügt dazu eine zerkratzte Fensterscheibe in der Buslinie M 27. Ihre Fotoserie ist noch bis 20. Juli als Teil der Gruppenausstellung »Landschaft im Dekolleté – Fenster als Element und Metapher« zu sehen. Weitere Informationen und Fotos auf ihrer Website www.salon-visuell.de

Montag, 16. Juni 2014

Seelenaufschlitzer. Oskar Kokoschka in Wolfsburg

Von Elke Linda Buchholz - „Der Sessel, auf dem Karl Kraus für dieses Porträt gesessen, ist nach der letzten Sitzung auseinandergefallen“, pinselte Oskar Kokoschka am 7. Februar 1925 auf die Rückseite der Leinwand. Hatte der Wiener Satiriker und Schriftsteller während der Modellsitzungen so nervös herumgehampelt? Kokoschkas Bildnis räumt der ungelenk ausfahrenden Gestik fast die Hälfte des breiten Bildformats ein. Nicht nur die mit lila Pinselstrichen akzentuierte Gesichtslandschaft, sondern auch der Körper wird hier zur Bühne des Selbst.
Immer wieder ziehen in Kokoschkas Bildnissen die Hände die Aufmerksamkeit auf sich. Sie verkrampfen sich, spreizen die Finger, formen kryptische Zeichen und stehlen den Gesichtern gerade bei den frühen Arbeiten fast die Schau.
Das will etwas heißen. Denn auch in den Physiognomien ballte der junge Kokoschka angefeuert vom Erlebnis van Goghs eine immense Ausdrucksenergie. Ob das Resultat dem Dargestellten ähnelte, war dem Maler zweitrangig. Nicht jeder Auftraggeber konnte sich damit abfinden. Aber der Schriftsteller Walter Hasenclever meinte, er bemühe sich täglich, seinem Bildnis ähnlicher zu werden. Rund 55 Gemälde und 140 Papierarbeiten versammelt das Kunstmuseum Wolfsburg zu einer Kokoschka-Retrospektive... Weiterlesen auf tagesspiegel.de

Dienstag, 10. Juni 2014

ZEIT ONLINE über "Die Entdeckung Berlins"

"Übrigens lohnt allein das Nachwort schon zum Kauf dieses sorgfältig und ansprechend gemachten Buchs. Denn es ist ein Musterstück historischer Recherche und gewitzter Findigkeit", schreibt Erhard Schütz auf ZEIT ONLINE über Michael Bienerts Neuedition der Entdeckung Berlins von Henry F. Urban. Hier lesen

Montag, 2. Juni 2014

Der Weltkrieg auf den Nachttisch - Neue Bücher zum Jahr 1914 und den Folgen

Gasmaske aus dem Ersten Weltkrieg
Quelle: Europeana 1914-1918
Von Michael BienertDer Erste Weltkrieg hat viele literarischer Talente ausradiert und reichlich mediokre Autoren hervorgebracht. Einer war mein Urgroßvater. In einem Erinnerungsbuch von Frontkämpfern hat er hinterlassen, wie er sich vor Verdun das Eiserne Kreuz verdiente. Als Zugführer eroberte er eine französische Stellung und schaffte es, sie im Nahkampf mit Senegalesen stundenlang zu halten. Die meisten Kameraden überlebten das Gemetzel nicht, dennoch schließt Opas Bericht mit den Worten: „Die Stimmung war trotz allem dem Erlebten die Beste geblieben.“
Das Frontkämpferbuch erschien 1936, es sollte die Jugend auf kommende Heldentaten einstimmen und trägt eine handschriftliche Widmung an den Sohn, also meinen Großvater, der im Zweiten Weltkrieg gen Frankreich zog. Dieses Familienerbstück, eine meiner Kindheitslektüren während langer Nachmittage unter Omas Obhut, ist ein Fremdling zwischen meinen Büchern. Deshalb vermüffelte das Buch jahrelang neben alten Schallplatten im Keller, genau wie das 1930 in Stuttgart erschienene, mehrere Kilo schwere Bayernbuch vom Weltkriege. Aber so ein illustriertes Prachtwerk kann man doch nicht einfach auf den Kehrichthaufen der Geschichte werfen!
Nun haben es die alten Weltkriegsbücher wieder auf meinen Schreibtisch geschafft, denn die 100. Wiederkehr des Kriegsbeginns rollt unerbittlich wie ein Panzer auf uns Kulturjournalisten zu.